Die Filterblase: Wie Facebook dabei ist, uns alle zu Feinden zu machen

vor 3 Monaten

Facebook und Twitter haben dazu beigetragen, Donald Trump zum Präsidenten zu machen. Nicht nur, weil er damit umzugehen wusste, sondern wegen eines Effekts namens „Filterbubble“. Dieses Phänomen spaltet gerade weltweit Länder in verschiedene Lager. Und wir sollten es schleunigst loswerden. Sonst macht es uns kaputt. 

Aber ganz von vorne: Wie entsteht deine Facebook-Timeline eigentlich? Klar, du meldest dich an, befreundest dich mit deinen Bekannten und findest auf der Plattform neue Freunde. Deren Beiträge werden dir angezeigt. Daneben drückst du bei verschiedenen Seiten auf „Gefällt mir“. Deren Meldungen erhältst du zukünftig ebenfalls. Aber nicht immer.

Denn der Facebook-Algorithmus ist klüger als das. Er zeigt dir manche Sachen häufiger und lässt andere weg. Zwei Dinge sagen ihm, was er dir anbieten sollte und was nicht. Erstens: Er beobachtet, was du tust. Wenn du eine bestimmte Seite, ein bestimmtes Themengebiet häufiger durchstöberst als andere, wird er dir das häufiger anzeigen. Zweitens: Er sieht, was andere tun. Wenn ein Beitrag viele Likes, Shares, Comments bekommt und das Ganze sogar noch unter deinen Freunden, wirst du ihn auf der Timeline entdecken, ganz egal, ob du die Seite selbst geliket hast oder nicht.

Und das hat zwei wirklich gefährliche Effekte

Erstens wird der am ehesten gehört, der am lautesten brüllt. Viel Engagement, viel Skandal, sorgt für große Reichweite. Das nutzen nicht nur Populisten, auf diesen Zug springen auch die Medien auf. Nicht umsonst werden Schlagzeilen aggressiver und angstmachender. Das klickt besser und verbreitet sich damit auch mehr. Und ja, auch das viel gescholtene „Clickbaiting“ gehört dazu. Durch die Reichweite, die Facebook solchen Artikeln gibt, sind sie einfach erfolgreicher als „ehrlich“ verfasste Meldungen.

Zweitens leben wir alle in kleinen Welten, die wir uns selbst erschaffen haben. Dadurch, dass wir uns die Nachrichten von Seiten präsentieren lassen, die wir selbst ausgewählt haben – weil sie im Normalfall unserer Meinung entsprechen. Wir leben in einer „Filterbubble“.

Der Begriff stammt vom Internet-Aktivisten Eli Pariser. Er beschreibt damit die Tatsache, dass wir uns durch selbstgewählte News-Quellen so vom Rest der Meinungswelt abschotten, dass wir am Ende nur noch das glauben, was in unserer eigenen Blase erzählt wird. Von außen – durch Likes von Freunden, durch Vorschläge unserer Lieblingsseiten – kommt in diese Blase immer mehr dazu, was wieder die selbe Meinung vertritt. Dadurch beginnen wir irgendwann zu glauben, die ganze „normale“ Welt sei unserer Meinung. Und jeder andere lügt. Das nennt sich dann eine „Echokammer“.

Beispiel gefällig? Einem User, der nach „BP“ sucht, zeigt die Google-Suche Aktienwerte von „British Petrolium“ an. Er hat den Eindruck: Ein Umweltskandal existiert nicht. Dem anderen Nutzer zeigt sie Nachrichtenmeldungen über die Ölkatastrophe der Deepwater-Horizon Plattform. Er denkt: Der Umweltskandal ist das einzig Erwähnenswerte. Das Prinzip ist klar, oder?

Ganz genau erklärt es Pariser in diesem TED-Video:

Das Problem dabei: Je radikaler Meinungen sind, je stärker sie versuchen, sich von anderen abzugrenzen, desto besser funktioniert das System. Es kommt immer mehr von außen, was mich in meiner – anfangs vielleicht nur ganz leichten – Radikalisierung bestätigt. Gleichzeitig erzählen mir diese immer zahlreicheren Quellen, dass jeder lügt, der etwas anderes behauptet.

Ein Jugendlicher, der sich dem radikalen Islamismus zuwendet, findet so immer mehr Bestätigung, dass es völlig richtig ist, nach Syrien zu gehen. Rechte Hetzseiten schieben sich gegenseitig gefälschte Meldungen von Vergewaltigungsfällen von Flüchtlingen zu, die immer mehr Menschen glauben, weil sie immer mehr Menschen sehen. Oder – dank Domian brandaktuell – Verschwörungstheoretiker, die überzeugt sind, die Erde sei eine Scheibe, informieren sich online nur noch in der Gesellschaft Gleichgesinnter. Und dort haben sie immer Recht.

Gemeinsam haben all diese radikalen Filterbubbles, dass gegenteilige Informationen entweder ausgeblendet oder bekämpft werden. Wo das hinführen kann, zeigte die Brexit-Debatte in Großbritannien. Dort konnten Aktivisten über den gesamten Wahlkampf hinweg Tag für Tag völlig falsche Fakten in die Welt setzen. Die Presse berichtete darüber, aber das erreichte niemanden mehr, der bereits in der Blase gefangen war.

Was der Feind – ob das nun die „Systempresse“ oder ein wohlmeinender Verwandter ist – eingibt, wird von vornherein abgelehnt oder zumindest in höchstem Maße kritisch gesehen. Das, was die „eigenen“ Quellen behaupten, wird aber ohne jede Prüfung geglaubt. Und das gilt in abgeschwächtem Maße nicht nur für Radikale, sondern für uns alle! Womit wir auch schon bei uns und der US-Wahl wären.

Warum betrifft das mich?

Natürlich sind die Wenigsten von uns gehirngewaschene Filterbubble-Zombies. Aber jeder, der ehrlich mit sich selbst ist, muss zugeben, dass er sich lieber mit den Nachrichten der Seiten umgibt, die auch seine Meinung vertreten – und diese gerne mal widerspruchslos glaubt. Egal, ob links, rechts, oder Mitte – wir alle schließen uns in Filterbubbles ein.

Diesen Effekt bekommen die Amerikaner gerade zu spüren. Die eine Hälfte kann sich nicht vorstellen, dass irgendjemand Hillary wählen könnte. Die andere akzeptiert nicht, dass es Menschen gibt, die ihr Kreuz bei Trump machen. Das hat viele Gründe. Einer davon ist aber, dass jeder von ihnen in einer Blase mit Gleichgesinnten lebt, die der eigene Facebook-Stream stramm zusammenhält.

Natürlich ist das nicht der Grund, warum Trump gewählt wurde. Aber es ist ein möglicher Grund dafür, warum so viele Leute in der einen Blase die Probleme der anderen nicht hören oder verstehen können. Und so etwas führt zu einer Teilung des Landes.

Das stellen auch wir schon in den Kommentaren auf der Galileo-Facebook-Page fest. Die eine Seite hat das Gefühl, ganz Amerika jubelt, die andere glaubt, ganz Amerika weint. Die eine Seite hat Angst vor Migration, vor Veränderung des Landes und wird von radikalen Meinungsmachern mit Schreckensmeldungen über Flüchtlingskriminalität bombardiert. Die andere Hälfte begrüßt die Flüchtlinge und gerät in einen Strudel von ironisch aufgeladenen Lästerposts, in dem jeder, der eine andere Meinung vertritt, als Idiot dargestellt wird.

Beides ist schlecht: Denn irgendwann verstehen wir uns gegenseitig nicht mehr – so, wie es den Amerikanern gerade geht.

Hilfe! Wie können wir das ändern? 

Der Ausweg aus der Filterbubble ist schwer und einfach zugleich. Schwer, weil ihn jeder selbst in die Hand nehmen muss. Einfach, weil es, einmal angefangen, nicht schwierig ist. Drei Tipps gibt es zu beachten:

  • Achte selbst auf deine Timeline und pflege sie. Abonniere auch  (vertrauenswürdige) Kanäle, die eine andere Meinung vertreten, als die, die du schon hast. So, wie in einer Zeitung ja auch unterschiedliche Autoren und Kommentatoren zu Wort kommen.
  • Verstehe deren Positionen nicht automatisch als Angriff auf dich und deine eigene Meinung. Nicht jeder, der etwas anderes behauptet als du, lügt oder spinnt. Das ist eine Lektion, die AfD-Anhänger und der von ihr bekämpfte „Mainstream“ beide lernen müssen.
  • Prüfe bei den Seiten, die deine eigene Position vertreten, genauso kritisch den Inhalt wie bei anderen. Handelt es sich um ein Presseorgan, das seiner Verpflichtung nachgeht, Fakten zu prüfen und Dinge in den Kontext zu rücken? Oder eine Person, die wirkliches Fachwissen in ihrem Gebiet mitbringt? Nicht alles ist wahr, nur weil es ein populistischer Blog oder eine politisch motivierte Facebook-Seite ins Netz stellen. Gleichzeitig darf und soll man durchaus kritisch hinterfragen, was in jedem einzelnen Artikel etablierter Medien steht.

Die wichtigste Lektion aus der US-Wahl für uns ist wohl: Lasst uns nicht den selben Fehler machen und in zwei verschiedene Welten abgleiten. Zumindest nicht bei Facebook.

Wie so eine Filterblase in der Realität und auf eurer Timeline aussieht, das erklären wir euch in diesem Galileo-Beitrag:

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