TU München

So steuert man mit Google Glass einen Rollstuhl

vor 2 Jahren

Ein Nicken mit dem Kopf – los geht’s. Der Rollstuhl nimmt fahrt auf. Ein Drehen mit dem Kopf nach links – der Stuhl dreht sich ebenfalls und schnurrt auf die Cafeteria des Instituts für Informatik an der TU München zu. Auch eine Schlangenlinie um einen Studenten mit einem Tablet geschieht elegant mit ein paar Kopfdrehungen. Ein Rucken mit dem Kopf nach oben und der Rollstuhl steht. Sieht fast so aus, als wäre dieser Rolli ein Heidenspaß.

Glass Chair

„Glasschair“ nennt sich das Projekt: Ein elektrischer Rollstuhl, der über die Google Glass gesteuert werden kann, ohne Hände und kabellos. Nicht jeder, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, hat auch die Kraft oder die Bewegungsfähigkeit, die Räder selbst zu drehen. Hier helfen elektrifizierte Versionen weiter, die im einfachsten Fall mit einem Joystick gesteuert werden. Menschen, die auch die Hände nicht oder nicht zuverlässig genug bewegen können, steuern ihren Rolli über einen Joystick in Kopfhöhe, aber auch über die Zunge oder über ein Rohr, in das sie hineinblasen.

 

Vom Unipraktikum zum Startup

Der „Glasschair“ soll eine weitere Möglichkeit bieten: Eine zusätzliche Hardware wird an den Rollstuhl angeschlossen. Über Bluetooth nimmt eine Google-Brille Kontakt mit diesem Gerät auf. Mit Google Glass startet man die Glasschair App – und ab dann gibt die Brille bestimmte Kopfbewegungen an das Gerät am Rollstuhl weiter. Dieses übersetzt die Kopfbewegegung in Signale, die der Rollstuhl „versteht“. Also eben starkes Nicken = Start, Kopf nach oben = Stopp. Aktuell fährt der Rollstuhl nur auf dem Gelände der TU München im Forschungszentrum Garching herum, denn er ist das Ergebnis eines Praktikums im Masterstudiengang Informatik, das sich zu einem kleinen Startup weiterentwickelt hat.

Mobilitätsprobleme sollten die Teilnehmer des Praktikums lösen. Automotive, also drahtlos steuerbare Autos interessierte die meisten Teilnehmer, doch die Studenten Dominik Schniertshauer, Shady Yacoub und Claudiu Leverenz wollten sich auf ein anderes Feld begegeben und erkannten, dass sich in Sachen Mobilität und Inklusion von Rollstuhlfahrern noch wenig getan hatte. Also besorgten sie sich einen elektrischen Rollstuhl und entwickelten eine neuartige Art der Steuerung per Datenbrille. Nach dreimonatiger Entwicklungszeit drehte der Prototyp seine ersten Runden im Institut. Schon im Anfangsstadium zeigte sich, dass Kopfbewegungen die zuverlässigste Art war, den Rolli über die Brille zu steuern, Augenbewegungen sind meist nicht eindeutig genug.

 

„Die Sicherheit steht im Vordergrund“

Auch jetzt stellt sich noch die Frage, welche Bewegungen die Brille als Befehl verstehen soll oder nicht. „Wie beim Auto muss man sich mit der Steuerung zuerst auseinandersetzen und dann natürlich aufpassen,“ erklärt Dominik Schniertshauer. Für Nutzer des „Glasschair“ bedeutet das, dass jeder Fahrer die Sensibilitat des Systems auf seine Bedürfnisse einstellen muss.

„Sicherheit stand von Anfang an im Vordergrund unserer Überlegungen. Was soll passieren, wenn die Verbindung zwischen Brille und Stuhl abreißt oder wenn sich die Brille vom Kopf löst? Wie stellen wir sicher, dass die Brille nur den einen bestimmten Rollstuhl ansteuert und dass der Rollstuhl nur von einer bestimmten Brille Befehle entgegen nimmt?“, beschreibt Schniertshauer die Entwicklungsarbeit. Für erstere Probleme ist die Lösung: Im Zweifelsfall bleibt der Rollstuhl stehen. Für das zweite sind es Verschlüsselungsverfahren und sogenannte „feste Pairings“, also das Einschwören der Geräte nur aufeinander.

 

Partner und Piloten gesucht

Noch ist der „Glasschair“ ein Studienprojekt, doch die Erfinder wollen mehr. Aktuell suchen sie nach Partnern, um den Stuhl weiterzuentwickeln – und nach Testfahrern. Denn der eigentliche Praxistest mit Leuten, die tatsächlich auf einen Rollstuhl angewiesen sind, steht noch aus. Wer also am Projekt mitmachen und seine Erfahrungen aus dem Alltag einbringen möchte, kann sich gerne über die Facebookseite oder die Webpräsenz des Projekts melden.

Facebook WhatsApp

Diese Beiträge könnten dir auch gefallen: