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Autoprämie: Was dafür und was dagegen spricht

Anheizer für die Wirtschaft oder teures Strohfeuer wie die Abwrack-Prämie? Deutschland diskutiert über die geforderte Kaufprämie für Autos. Alle Argumente im Überblick.

Das Wichtigste zum Thema Autoprämie

  • Corona hat die deutsche Autoindustrie kalt erwischt. Die Neu-Zulassungen sind im April 2020 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 61,1 Prozent eingebrochen.

  • Pro Tag Stillstand mussten deutsche Autobauer und Zulieferer statt 60 Millionen Euro Gewinn, Verluste in Höhe von 72 Millionen Euro hinnehmen. Das sind Umsatzeinbußen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro - in knapp 6 Wochen.

  • Ökonomen schätzen, dass 1,8 Millionen Arbeitsplätze an der Autoindustrie hängen. Dazu zählen neben den Beschäftigten in der Autoindustrie auch die Mitarbeiter in Autohäusern oder -werkstätten. Auch andere Konzerne aus anderen Industriezweigen sind wichtige Zulieferer für die Autoproduktion, etwa die Chemie- und die Textilbranche.

  • Bisher gab es noch keine finanzielle Unterstützung von der Bundesregierung, auch wenn die Forderungen danach lauter werden: Die Branche verlangt eine Kaufprämie für Autos, damit der Autokauf schnell wieder steigt. Konkrete Vorschläge gibt es von den "Autoländern" Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg.

  • Doch die Forderung nach einer Autokaufprämie stößt auch auf heftige Kritik. Alle Argumente dafür und dagegen findest du auf dieser Seite.

  • Die Politik diskutiert noch hinter verschlossenen Türen. Anfang Juni soll eine Entscheidung fallen.

Dafür oder Dagegen: Das ist das Voting-Ergebnis

Die Zuschauer haben in der Galileo-App abgestimmt!

Ist eine Kaufprämie für Autos eine gute Idee? 71 Prozent der Galileo-Zuschauer sind dagegen.

Wie soll die Autokaufprämie aussehen?

Einige Bundesländer wie Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen haben bereits konkrete Vorschläge für eine Autokaufprämie. Auch moderne Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor soll sie miteinbeziehen.

Das sagen die Befürworter

  • Die Autoindustrie ist Deutschlands Kernindustrie. Laut Markus Söder bedarf es "eines wirtschaftlichen Impulses, damit die so wichtige deutsche Kernindustrie, auch aus der schwierigen Zeit möglichst unbeschadet herausfindet."

  • 📈

    Es geht bei der Prämie nicht speziell um die Autobranche, sondern um die Konjunktur insgesamt. VW-Konzernchef Herbert Diess ist überzeugt davon, dass die Automobilbranche die erste Anlaufstelle ist, um die Wirtschaft in Deutschland wieder anzukurbeln.

  • 👨‍💼

    Rund 1,8 Millionen Arbeitsplätze sind von der Branche abhängig - und die müssen gerettet werden.

  • 🌳

    Die Prämie kann eine Schlüsselrolle bei der Mobilitätswende spielen. Stefan Reindl, Professor am Nürtinger Institut für Automobilwirtschaft, glaubt an den Erfolg einer gestaffelten Prämie. Das heißt: die höchste Prämie für Elektroautos, dann Hybridfahrzeuge, zuletzt Verbrenner. So könnte man die Umwelt schonen und gleichzeitig die heimische Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze sichern.

  • 📉

    Die deutsche Automobilindustrie muss konkurrenzfähig bleiben. Die Konkurrenz aus den USA ist ihnen nämlich schon einen Schritt voraus. Tesla, der E-Autobauer aus Kalifornien, ist an der Börse knapp 170 Milliarden Dollar wert. Der Börsenwert der deutschen Autobauer BMW, Daimler und Volkswagen liegt insgesamt bei 186 Milliarden Dollar.

Das sagen die Gegner

  • 🚨

    Die Autoprämie vermittelt ein falsches Signal. Nämlich die staatliche Förderung von Verbrennungsmotoren. Dabei habe Deutschland eh schon die Mobilitätswende verschlafen. Deshalb nennen Kritiker die Autokaufprämie auch "Anti-Innovationsprämie".

  • 🚗

    Ein Großteil der Prämien-Nutzer würde zu den 3.000 Euro für den Kauf eines Verbrenners greifen. Das schätzen Experten, denn: Es gibt schon eine 6.000 Euro-Prämie für E-Autos in Deutschland - und trotzdem fahren mehr als 97 Prozent der PKW auf den Straßen nach wie vor mit einem Verbrennungsmotor. Gründe sind unter anderem Lieferengpässe bei deutschen E-Autos, zu geringe Akkulaufzeiten und fehlende Ladestationen.

  • 🚴

    Umweltfreundliche Verkehrsmittel werden außen vor gelassen. Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung fordert eine nachhaltige Mobilitätsprämie, die auch Fahrrad, Bus und Bahn einbezieht.

  • 👛

    Die Auto-Konzerne sollen zuerst auf eigene Gewinne der vergangenen Jahre zurückgreifen, meint SPD-Chef Walter Borjans. Konzerne wie VW, Daimler und BMW haben in den letzten Jahren Rekordgewinne eingefahren. Bevor sie nach den Steuerzahlern rufen, sollten sie die Krise aus eigener Kraft bewältigen - so wie es andere Unternehmen auch müssen.

  • 🍝

    Nicht nur große Unternehmen brauchen Hilfe. Denn nicht nur die sind systemrelevant, betont Walter-Borjans. Auch andere Bereiche wie die Gastronomie sind für das Zwischenmenschliche und die Lebensqualität vor Ort enorm wichtig. Auch die müsse man unterstützen, damit die Gesellschaft eine gute Zukunft hat.

  • 🤷

    Eine Autokaufprämie ist wirtschaftlich unsinnig. Wirtschaftwissenschaftlerin Prof. Claudia Kemfert meint, sie löse nur Strohfeuer-Effekte aus und helfe der deutschen Autobranche gar nicht.

  • 🌏

    Es ist ein Trugschluss, wenn eine Autokaufprämie in Deutschland ausgegeben wird. Die deutsche Autobranche macht fast zwei Drittel ihres Umsatzes im Ausland, also muss deren Nachfrage angekurbelt werden - und das sind internationale Aufgaben.

  • 🚘

    Eine Kaufprämie für konventionelle Antriebe in dieser Höhe würde nur von den sehr hohen Einkommensbeziehern genutzt werden, die sich dann vielleicht das zweite, dritte oder vierte Auto kaufen. Für Elektrofahrzeuge besteht kein Kaufanreiz.

So was gab's doch schon mal?

Um in der Finanzkrise im Jahr 2009 eine Entlassungswelle in der Autoindustrie zu vermeiden, hat Deutschland zu der Zeit eine Abwrackprämie eingeführt: 2.500 Euro bekam jeder, der sein altes Auto verschrotten ließ und ein neues gekauft hat.

 

Verschrottete PKW auf einem Schrottplatz in Bottrop.


Durch die Abwrack-Prämie landeten unzählige Autos auf dem Schrottplatz - wie hier in Bottrop.
© picture alliance / imageBROKER

 

 

Hatte das den gewünschten Effekt?

  • 📉

    Wirtschaftswissenschaftlerin Professor Kemfert untersuchte die damaligen Auswirkungen. Laut ihr war die Abwrackprämie von 2009 für die deutsche Autobranche wenig erfolgreich - dafür mit 5 Milliarden Euro sehr teuer. Zwar gingen die Autokäufe in dem Jahr etwas nach oben, für die deutsche Konjunktur hatte es allerdings keinen nachhaltigen Effekt. Schon im Folgejahr brach der Absatz massiv ein. Diesen Fehler sollte man ihr zufolge nicht nochmal machen.

  • 🔥

    In Zahlen heißt das: Die Neu-Zulassungen in Deutschland stiegen zwar erst mal durch die Prämie von 3,1 Millionen Autos auf 3,8 Millionen. Im Jahr darauf fielen sie aber wieder um fast ein Viertel auf 2,9 Millionen Neu-Zulassungen. Kritiker sprachen von einem Strohfeuer, weil Käufer einfach nur etwas früher ein neues Auto gekauft haben.

  • 🌏

    Drei Viertel der deutschen Autos wurden im Ausland verkauft - für die gab es natürlich keine Prämie. Deshalb kamen führende Wirtschaftsinstitute zu dem Ergebnis, dass die Abwrackprämie für die deutschen Autobauer eine "recht begrenzte" Stützkraft hatte.

  • 🚗

    Firmen aus dem Ausland haben eher profitiert - und nicht die heimische Wirtschaft. Der Grund: Niedrigeinkommensbezieher, die ihr Auto verschrotteten und ein neues gekauft haben, haben zu Kleinwagen von ausländischen Herstellern gegriffen.

Veröffentlicht: 20.05.2020 / Autor: Viviane Osswald

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