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Von Baby-Boom bis große Chance: 3 Krisen-Mythen im Check

Krisen sind schwer miteinander zu vergleichen. Aber: Es gibt Krisen-Mythen, die immer wieder aufpoppen. Wir gehen ihnen auf den Grund.
Krisenmythen kommen immer wieder auf - wie die News, dass die Geburtenrate nach Krisen stark ansteigt.

Was lässt uns an Mythen glauben?

  • 🧠

    Das menschliche Gehirn ordnet Erlebnisse in bekannte Strukturen ein. Gemeinsamkeiten werden gesucht. So erscheint die Welt leichter verständlich und kontrollierbar.

  • 🤷

    Der größte Feind solcher Theorien heißt Zufall. Wenn Dinge einfach zufällig passieren, passt das nicht in unsere Denkstrukturen.

  • 🤨

    Gilt auch bei Verschwörungstheorien: Hier kommt häufig Misstrauen gegenüber Mächtigen hinzu. Der Glaube an eine Verschwörung gibt Orientierung, Sicherheit, macht die Welt überschaubarer und vorhersehbarer.

Mythos #1: Nach Krisen kommt der Baby-Boom

Die Geschichte, dass nach Krisen mehr Babys geboren werden, hält sich hartnäckig. Klar ist: Nach manchen Ereignissen - wie den beiden Weltkriegen - stieg die Geburtenzahl danach tatsächlich an.

Ein anderes berühmtes Beispiel: Am 9. November 1965 hatten 30 Millionen Menschen in New York keinen Strom. 9 Monate später stiegen die Geburtenzahlen - das berichtete jedenfalls die "New York Times".

Der Haken dabei: Nicht alle Krankenhäuser wurden berücksichtigt. Am Ende war die Geburtenrate im Schnitt nicht höher als normal - der Mythos der Krisen-Babys aber bleibt.

Stromausfall in New York 1965


Ein Stromausfall legte 1965 den Großraum New York lahm. Dass es 9 Monate später deutlich mehr Geburten gab, ist aber nicht wahr.
© picture alliance/AP Images

Krisen-Mythos #1 im Check:

  • 💡

    Nach Krisen oder Ausnahmesituationen kommt es nicht automatisch zu einem Baby-Boom. Ob das vermehrte Zuhause-sein wegen Corona dazu führen wird, erfahren wir erst in neun Monaten.

Mythos #2: Krisen verlaufen immer gleich

Kann das stimmen, obwohl Krisen, ihre Verläufe und Auswirkungen doch so unterschiedlich sind? Viele Forscher sind sich einig: Ja, es gibt gewisse Phasen, die man in jeder Krise beobachten kann.

Eine der bekanntesten ist die Einteilung in 4 Krisenphasen: Die gelten für private, aber auch für gesellschaftliche Extrem-Ereignisse, die unvorhersehbar waren und uns aus der Bahn werfen.

Wir verlieren die Kontrolle. Um sie zurückzugewinnen, durchlaufen wir verschiedene Stadien.

In 4 Phasen durch die Krise

  • 😲

    Schock und Verleugnung: Die neue Situation überrumpelt uns. Wir sind wie gelähmt oder versuchen sie zu verdrängen.

  • 😖

    Reaktion: Wir konfrontieren uns mit der Realität und versuchen sie in unser bisheriges Leben zu integrieren. Emotionen wie Angst oder Wut können aufkommen.

  • 🤔

    Bearbeitung: Man versucht die Geschehnisse zu verstehen, sucht Lösungen und akzeptiert die neue Situation - zumindest teilweise.

  • 😎

    Neuorientierung: Mit frischem Selbstwertgefühl orientieren wir uns um. Wir können loslassen und uns auf andere Dinge konzentrieren.

Kombination der Modelle von Johann Cullberg und Verena Kast

Krisen-Mythos #2 im Check:

  • 💡

    Ja, auch in Corona-Zeiten durchlaufen wir wohl bestimmte Krisenphasen. Aber nicht jeder im gleichen Tempo: Während manch einer schon an die Bearbeitung der Krise geht, ist ein anderer noch ängstlich.

Mythos #3: In jeder Krise liegt auch eine Chance

Krisen sind Extremsituationen. Sie bringen uns dazu, das eigene Leben, aber auch die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft tickt, zu überdenken. Zwar kann man nicht aus jeder Krise eine Lehre für die Zukunft ziehen. Manchmal aber eben doch!

2 Beispiele, bei denen man aus Katastrophen gelernt hat:

🌋 Der größte Vulkanausbruch der Geschichte

Vulkan Tabora in Indonesien


Der 10 Kilometer breite Krater des Vulkans Tabora auf Indonesien entstand bei dem Ausbruch 1815.
© picture alliance/AP Images

 

1815 brach der Vulkan Tabora (Indonesien) aus. Asche wurde in die Stratosphäre geschleudert und verteilte sich über die ganze Welt. Für mehrere Jahre kühlte unser Globus ab. 1816 wird als das "Jahr ohne Sonne" bezeichnet. Die Wirtschaft litt extrem unter den Auswirkungen.

Die positiven Folgen der Krise: Für die vielen Menschen ohne Arbeit wurden neue Beschäftigungsprogramme geschaffen. Das Versicherungswesen und die Sparkassen wurden erfunden.

 

💥 Reaktorunglück von Tschernobyl

Bauarbeiten Reaktorunglück Tschernobyl


Die Luftaufnahme zeigt die Bauarbeiten nach der Explosion am 4. Reaktorblock des Atomkraftwerks Tschernobyl.
© picture-alliance akg-images

 

Lange hielt die Welt die friedliche Nutzung der Kernenergie für ungefährlich. Doch dann explodierte am 26. April 1986 Block 4 im Kernkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine. Radioaktives Material wurde freigesetzt, die Folgen sind bis heute spürbar. Das Ereignis hat weltweit zu einem Umdenken geführt. Kernenergie galt nicht länger als ungefährlich.

In Deutschland entstand unter anderem deswegen die Partei "Die Grünen", die Anfang der 2000er Jahre den Atomausstieg durchgesetzt hat. Nach dem Reaktorunfall in Fukushima 2011 wurde das Ende der Atomkraftwerke in Deutschland beschleunigt.

Krisen-Mythos #3 im Check:

  • 💡

    Krisen wirbeln die Welt, wie wir sie kennen, durcheinander, haben weitreichende und langanhaltende Folgen. Das darf bei allem Optimismus nicht unter den Tisch fallen. Trotzdem: Der Mensch ist lernfähig und kann bewältigte Krisen nutzen. Die positiven Folgen dürfen aber nicht mit Opferzahlen und Einbußen aufgerechnet werden.

Veröffentlicht: 20.04.2020 / Autor: Franziska Schosser