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Corona: Deswegen sind die getroffenen Maßnahmen jetzt so wichtig

Corona schränkt das öffentliche Leben weiter ein. In fast allen Bundesländern sind Schulen und Kitas geschlossen und immer häufiger heißt es auch: Kinos, Schwimmbäder, Bars und mehr bleiben zu. Was das bringt.

Deutschland macht dicht: Was das heißt

  • Das Robert-Koch-Institut meldet für Deutschland 6012 laborbestätigte Infektionen (Stand: Montag, 16.3.), das sind 1174 Fälle mehr als am Vortag.

  • Um die Infektionsrate zu senken, schließt Deutschland einen Teil seiner Grenzen. Wer aus Österreich, Frankreich, Luxemburg, Dänemark oder der Schweiz nach Deutschland einreisen will, braucht ab heute einen "triftigen Grund". Einreisende Deutsche, Berufspendler und Waren dürfen aber bislang weiterhin passieren.

  • Bayern hat als erstes Bundesland den Katastrophenfall angekündigt. Ab morgen heißt es: Bars, Kinos, Schwimmbäder, Spielplätze, Zoos und mehr sind geschlossen, ab Mittwoch dürfen Restaurants nur noch zu bestimmten Zeiten öffnen. Ausgenommen sind unter anderem Supermärkte, Apotheken, Tankstellen und Banken.

  • Auch in anderen Bundesländern bleiben Bars, Diskotheken, Schwimmbäder, Fitnessstudios, Kinos, Museen, Bibliotheken und Volkshochschulen zu. Die Öffnungszeiten für Restaurants werden verkürzt.

  • Spätestens am Mittwoch, 18. März, schließen Schulen und Kitas in fast allen Bundesländern - zunächst bis zum Ende der Osterferien. Betroffen sind Millionen Menschen: In Deutschland gibt es 2,8 Millionen Grundschüler, in Kitas werden 3,7 Millionen Kinder betreut.

Warum sind solche Maßnahmen so wichtig?

Um zu verstehen, warum wir Einschränkungen im öffentlichen Leben in Kauf nehmen müssen, hilft ein Blick auf den Ansteckungsverlauf von Covid-19 in Wuhan, dem Epizentrum des Corona-Virus.


Ansteckungsverlauf Corona am Beispiel Wuhan.
© Gui Athayde/Galileo

 

Die rote Kurve zeigt die "offiziellen" Infektionsfälle, von denen die chinesische Gesundheitsbehörde wusste.

Die blaue Kurve zeigt die tatsächlichen Fälle, von denen die Behörden allerdings keine Ahnung hatte. Die erfuhren nämlich nur von den Fällen, bei denen die Infizierten zum Arzt gingen und getestet wurden.

Durchschnittlich dauert es etwa zwei Wochen bis das Virus ausbricht, bei vielen Infizierten ist der Krankheitsverlauf zudem sehr leicht. Aber: In beiden Fällen sind die Personen ansteckend.

Ergebnis: Viele Chinesen waren krank ohne es zu wissen - und jeder von ihnen steckte durchschnittlich drei weitere Personen an, die dann wiederum drei weitere infizierten.

So kann ein einziger Infizierter in einer Woche über 2-000 Menschen anstecken. Das nennt sich exponentielles Wachstum.

Das Problem des exponentiellen Wachstums - und die Lösung

Das Problem: Irgendwann kann das Gesundheitssystem die vielen Erkrankten nicht mehr behandeln. Deswegen ist es so wichtig, die Ausbreitung rechtzeitig einzudämmen.

Der Virus-Experte Alexander Kekulé sagt dazu:

"Die Idee dabei ist, dass man die Übertragungen vorübergehend soweit es geht reduziert,  sodass wir als Startposition für die erwartende exponentielle Ausbreitung einfach eine kleinere Startzahl von Fällen haben."

Taiwan zeigt wie's geht

Dass drastische Maßnahmen bei der Eindämmung der Ausbreitung funktionieren, zeigt sich am Beispiel Taiwans.

Der Inselstaat liegt direkt vor Chinas Küste und ist wirtschaftlich eng mit China verflechtet. Mehr als 800.000 Taiwaner leben auf dem chinesischen Festland und rund drei Millionen Chinesen pendeln tagtäglich nach Taiwan.

Und trotzdem sind bislang unter den 23 Millionen Einwohnern der Insel nur 59 als Virusträger identifiziert worden, 1 Person starb an Covid-19.

Das macht Taiwan richtig

  • Die Behörden haben schnell reagiert: Als China Ende Dezember zum ersten Mal über eine unbekannte Infektionskrankheit informiert hat, hat Taiwan sofort Gesundheitsbeamte an Bord der Flugzeuge aus der Region geschickt, um Reisende auf Krankheitssymptome zu untersuchen.

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    Außerdem hat die Regierung Apps auf den Markt gebracht, die den Menschen die Lagerbestände von Atemmasken in nahe gelegenen Läden anzeigt. In anderen Ländern wie Japan waren Atemmasken dagegen schnell ausverkauft.

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    Im Januar wurde dann ein Krisenprotokoll aktiviert - mit 124 Punkten! Die Regierung hat dafür große Datensätze vom Zoll, Krankenversicherung und Einwanderungsamt analysiert. Das Ziel: Potenzielle Virenträger aufspüren.

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    Ganz schön streng: Bürger und Besucher, die aus dem Ausland einreisen, müssen online ihren Gesundheitszustand dokumentieren. Wer aus einer Risikoregion kommt, muss in häusliche Quarantäne. Dabei wird sogar das Smartphone überwacht, damit sich Personen während der Inkubationszeit nicht in der Öffentlichkeit bewegen.

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    Die Schulferien wurden direkt im Februar verlängert, so dass auch unter Kindern keine weiteren Ansteckungen möglich waren.

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    Informationspolitik: Die Bevölkerung wurde früh und regelmäßig über den aktuellen Stand der Epidemie informiert.

  • Der Grund für die gute Vorbereitung: Die Erfahrungen mit dem Sars-Virus im Jahr 2003 - das Land ist seitdem gerüstet für den Ernstfall! Und: Taiwans Vizepräsident Chen Chien-jen ist selbst ein ausgebildeter Epidemiologe - das hat sicherlich nicht geschadet.

Jetzt müssen wir ran - oder eher weg: Das bringt soziale Distanz

Es gibt eine sehr einfache Sache, die wir alle tun können - und die funktioniert: soziale Distanzierung. Beim exponentiellen Wachstum  macht da sogar ein einzelner Tag etwas aus.


Soziale Distanzierung
© Gui Athayde/Galileo

 

Das Modell orientiert sich am Verlauf in Wuhan, mit im schlimmsten Fall täglich etwa 6.000 neuen Fällen.

Es zeigt verschiedene Gruppen: Eine distanziert sich gar nicht sozial (weiß), eine distanziert sich am Tag n eines Ausbruchs, die andere am Tag n + 1. Wartet man nur einen Tag mehr, führt das zu 40% mehr Fällen.

Im Fall von Wuhan hätte ein Tag die Anzahl der Fälle um 20.000 verringern können. Wow!

Kampf gegen Corona: Q&A

Macht eine komplette Ausgangssperre Sinn?

Virus-Experte Prof. Dr. Kekulé hält nichts davon. Eine Ausgangssperre schüre nur irrationale Ängste. Achte aber immer auf den Sicherheitsabstand von zwei Metern!

Was kann ich jetzt guten Gewissens noch machen?

Experten empfehlen Spaziergänge in der Natur - die stärken auch das Immunsystem. Treffen in Gruppen bis fünf Personen sind okay - vorzugsweise aber in den eigenen vier Wänden.

Wie lange sind die Schulen noch geschlossen?

Aktuell bis zum Ende der Osterferien, Mitte April.

An welchen Schulen gibt es eine Notbetreuung?

Grundsätzlich an jeder Schule, die die Kinder und Jugendlichen der 1. -  8. Klasse sonst besuchen. Informationen hierzu erteilt die Schulleitung oder der Schulträger vor Ort.

Verschwindet das Coronavirus im Sommer von selbst wieder?

Es gibt Erreger wie zum Beispiel Grippeviren, die eine starke Saisonalität zeigen und sich bevorzugt im Winter verbreiten. Dass dies auch beim neuen Coronavirus zutrifft, ist derzeit aber nur eine Hypothese.

Laut Robert Koch-Institut wird man erst im Sommer wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Sars-CoV-2 und der Jahreszeit gibt.

Wann enden die Maßnahmen?

Das ist aktuell seriös nicht zu sagen. In China hat sich etwa 8 Wochen nach Anordnung der Quarantänemaßnahmen die Zahl der Neu-Infektionen deutlich verringert.

In Shanghai wurden jetzt sogar einzelne Bereiche eines riesigen Vergnügungsparks wieder geöffnet.

Veröffentlicht: 16.03.2020 / Autor: Viviane Osswald

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