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Immunitäts-Pass: Was dafür und was dagegen spricht

Deutschland diskutiert: Brauchen wir einen Immunitäts-Pass? Hier findest du alle Argumente dafür und dagegen.

Das Wichtigste zum Thema Immunitäts-Pass

  • Die Bundesregierung brachte letzte Woche einen Corona-Immunitäts-Pass für Genesene ins Gespräch. Gesundheitsminister Spahn sieht darin eine Möglichkeit, das Corona-Virus auszubremsen.

  • Er würde wie ein Impfpass funktionieren: So wie man eintragen kann, ob man gegen Masern immun ist, können Genesene das auch beim Corona-Virus.

  • Aktuell ist wissenschaftlich allerdings noch nicht geklärt, ob sich Menschen nach einer Corona-Erkrankung nicht wieder anstecken können.

  • Die Kritik an einem Nachweis für Immunität wurde in den letzten Tagen immer lauter. So laut, dass der Gesundheitsminister den Deutschen Ethik-Rat um eine Stellungnahme gebeten hat. Bis dahin soll es vorerst keine gesetzliche Regelung zum Immunitäts-Pass geben.

  • Auch wenn Spahn die konkreten Pläne für einen solchen Pass vorerst etwas ausbremst, ist der noch nicht ganz vom Tisch. Sollte es Immunitätspässe für Menschen geben, die Corona hinter sich haben oder nicht? Alle Argumente dafür und dagegen findest du hier.

Dafür oder Dagegen: Das ist das Voting-Ergebnis

Die Zuschauer haben in der Galileo-App abgestimmt:

Immunitätspass: 75 Prozent sind dagegen.


Immunitätspass: 75 Prozent sind dagegen.
© Galileo

Spahn rudert auf Twitter zurück

Immunitäts-Pass auf dem Smartphone

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    Beim geplanten Immunitäts-Pass handelt es sich nicht um ein klassisches Papier, sondern um eine App auf dem Smartphone.

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    Macht jemand einen Test, erhält er in der App ein Gesundheitszertifikat, mit dem er sich offiziell als immun kenntlich machen kann, zum Beispiel bei Behörden, beim Arbeitgeber oder auch an Flughäfen.

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    Dokumentiert wird der Serostatus. So heißt es im Gesetzentwurf der Bundesregierung. Der beschreibt die An- oder Abwesenheit bestimmter Antikörper im Blutserum.

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    Das Ergebnis ist verschlüsselt, nur der Nutzer selbst kann es sehen. Personenbezogene Daten werden nicht gespeichert.

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    Aktuell arbeiten verschiedene Firmen, die Uniklinik und das Gesundheitsamt der Stadt Köln und die Bundesdruckerei am Immunitätspass fürs Smartphone. In Nordrhein-Westfalen soll der digitale Pass schon in 2 bis 3 Wochen ausprobiert werden.

Welche Vor- und Nachteile bringt ein Immunitätspass?

Welche Vor- und Nachteile bringt ein Immunitätspass?

Welche Vor- und Nachteile bringt ein Immunitätspass?

Wäre ein Immunitätspass überhaupt fair oder könnte solch ein Pass die Gesellschaft spalten?

Das sagen die Befürworter

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    Sollte es einen wissenschaftlichen Beweis für eine Immunität geben, würde es ein Immunitätspass möglich machen, unbeschwerter bestimmten Tätigkeiten nachzugehen - ohne Maske, ohne Abstand. So argumentiert Gesundheitsminister Spahn.

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    Das ist vor allem für Menschen in systemrelevanten Berufen hilfreich. Altenpfleger und Ärzte zum Beispiel, die eine Corona-Infektion überstanden haben, könnten ungehindert ihre Arbeit wieder aufnehmen.

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    Genesene haben wieder mehr Freiheiten. Wer nachweislich immun ist, könnte den Immunität-Pass vorlegen und damit ins normale Leben zurückkehren, wieder Freunde treffen oder an bestimmte Orte gehen.

Es gibt auch Skeptiker

Das sagen die Gegner

  • Eine Immunität ist noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Außerdem ist bislang unklar, wie lange wir nach einer Corona-Infektion immun sind. Deshalb rät auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Vorsicht.

  • Ein Immunitätspass vermittelt eine falsche Sicherheit. Es gibt neben Sars-CoV-2 noch viele andere Corona-Viren, die unser Immunsystem mit ähnlichen Antikörpern bekämpft. Das birgt die Gefahr, dass ein Test auf ein anderes Corona-Virus reagiert und wir uns in trügerischer Sicherheit wiegen. Auch möglich: Der Test findet zu früh statt, sodass sich die Antikörper noch nicht im Blut gebildet haben. Dann fällt er negativ aus, obwohl wir uns mit Sars-CoV-2 infiziert haben.

  • Ein Immunitätspass ist kontraproduktiv. Eigentlich sollten wir uns lieber darauf konzentrieren, Kontakte zu reduzieren, meint Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

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    Kritik kommt auch von Datenschützern. "Bei jeder Form von Immunitätsnachweisen handelt es sich um Gesundheitsdaten, die besonders zu schützen sind", sagt der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber (SPD). Solche Daten dürften auf keinen Fall missbraucht werden.

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    Datenschützer wollen außerdem nicht, dass künftig vielleicht noch mehr persönliche Befunde in solch einem Pass notiert werden, HIV-Infektionen oder Hepatitis zum Beispiel.

  • Ein Immunitäts-Pass ist diskriminierend. Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther befürchtet eine gesellschaftliche Spaltung, weil manche mehr Grundrechte hätten als andere.

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    Es besteht die Gefahr einer absichtlichen Ansteckung. Die Hoffnung auf mehr Bewegungsfreiheit könnte dazu verlocken, sich vorsätzlich zu infizieren - und damit würden die Infektionszahlen steigen, und Risikogruppen wären stärker gefährdet.

Immunität als Bonus - so war das während der Gelbfieber-Epidemie

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    Im 19. Jahrhundert herrschte Gelbfieber im Süden der USA. Übertragen wurde es von Stechmücken, die sich im dortigen warmen, feuchten Klima sehr wohl fühlen.

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    Die Krankheit begann mit Fieber, Schmerzen und Übelkeit. Etwa die Hälfte aller Angesteckten überlebten damals nicht.

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    Wer die Krankheit aber überstand, war für den Rest seines Lebens immun und wurde als "akklimatisiert" bezeichnet.

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    Die "Akklimatisierten" hatten auf dem Arbeitsmarkt und auch im gesellschaftlichen Leben weit größere Chancen - durch ihren "Immunitätsbonus". An der Immunität entschied sich zudem, in welchem Viertel man wohnte, wie viel man verdiente und sogar wen man heiraten konnte.

  • Es gab ohnehin schon viele Spaltungen in der Gesellschaft, auch zwischen Weißen und Schwarzen. Mit dem Immnunitätsbonus gab es eine weitere Grenze: zwischen den Immunen und den noch nicht an Gelbfieber Erkrankten.

  • 😓

    Viele Menschen, die unbedingt Arbeit brauchten, versuchten verzweifelt, sich absichtlich anzustecken, um den eigenen Wert auf dem Arbeitsmarkt zu steigern. Oft endete das tödlich.

Veröffentlicht: 05.05.2020 / Autor: Viviane Osswald

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