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Circuitbreaker statt landesweitem Lockdown? Das steckt hinter dem Modell

Mit den steigenden Corona-Zahlen wächst die Angst vor einem zweiten Lockdown. Virologe Christian Drosten und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bringen jetzt ein neues Modell ins Spiel: Kurz-Lockdowns. Was dahinter steckt und wie wirksam der erste Lockdown war, erfährst du hier.
Ein Corona Lockdown könnte die zweite Welle abmildern.

Das Wichtigste zum Thema Lockdown

  • Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt stark an. Die Gesundheitsämter meldeten nach Angaben des Robert Koch-Instituts vom Mittwochmorgen (28. Oktober) fast 15.000 neue Fälle binnen 24 Stunden.

  • Ein zweiter Lockdown müsse unbedingt verhindert werden, so Bundeskanzlerin Angela Merkel - insbesondere wegen der schwer zu verkraftenden wirtschaftlichen Folgen.

  • Der Virologe Christian Drosten und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bringen jetzt ein Kompromiss ins Spiel: sogenannte Circuitbreaker (Überlastschalter). Was dahinter steckt, erfährst du weiter unten.

  • Außerdem: Wie wirksam war der erste Lockdown und was bringt eine Maskenpflicht? Das erfährst du ebenfalls auf dieser Seite.

Circuitbreaker: Was bedeutet das?

  • Circuitbreaker sind kurze, zeitlich befristete Lockdowns.

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    Die Intention: Sie sollen die Ausbreitung des Corona-Virus bremsen, einen längerfristigen Lockdown verhindern und die wirtschaftlichen Folgen minimieren.

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    Ein Vorteil, den Lauterbach und Drosten im Kurz-Lockdown sehen: die höhere Akzeptanz der Maßnahme.

Drosten und Lauterbach schlagen via Twitter Kurz-Lockdowns vor

Darum geht's in der Studie

Die von Christian Drosten zitierte britische Preprint-Studie hat die Wirksamkeit und Folgen von Circuitbreakern untersucht. Die Erkenntnisse:

  • Vorsorglichen Pausen können ein Mittel sein, um den steigenden Infektionszahlen entgegenzuwirken und das Gesundheitssystem nicht zu überfordern.
  • Die Pausen werden von Beginn an zeitlich befristet. Die feste Dauer und die Vorwarnung können gesellschaftliche Auswirkungen begrenzen.
  • Die Autoren der Studie stellen klar, dass kurzzeitige Lockdowns keine langfristige Lösung sein können, aber Maßnahmen wie die Kontaktverfolgung und Isolierung von Corona-Infizierten unterstützen.

Auch Wales setzt auf Circuitbreaker

Nach Angaben der National Public Health Agency haben sich in Wales bis jetzt mehr als 36.000 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert. Ab Freitag verhängt das Land daher einen kurzen Lockdown - befristet auf 2 Wochen.

Wer kann, muss in dieser Zeit seiner Arbeit zu Hause nachgehen. Freizeitaktivitäten und Tourismus sind untersagt. Nur Geschäfte mit lebensnotwendigen Waren dürfen öffnen, Pubs und Restaurants bleiben geschlossen. Auch Treffen verschiedener Haushalte - ob drinnen oder draußen - seien verboten.

Erster Lockdown: Was hat er gebracht?

Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr dieses Jahres untersuchten Wissenschaftler um Jonas Dehning vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen den Zusammenhang der Fallzahlen in Deutschland mit den Maßnahme-Paketen der Regierung.

Das zeigte die Rechnung

Der Rückgang der Infektionen stimmt mit den zeitlichen Ereignissen überein: Jeweils rund 2 Wochen nach dem Greifen der Maßnahmen (so lange kann die Inkubationszeit dauern) sank die Wachstumsrate sichtlich:

  • 9. März: Absage von Großveranstaltungen mit 1.000 Teilnehmern: Die Rate sank von etwa 30 Prozent auf 12 Prozent.
  • 16. März: Schließung von Schulen, Kindergärten und den meisten Geschäften: Die Rate fiel auf rund 2 Prozent.
  • 23. März: Kontaktsperren und Schließung aller nicht essentiellen Geschäfte: Die Rate lag etwa bei -3 Prozent

Erst bei einer Wachstumsrate von Null gewinnen die Genesungen

Die Wachstumsrate ergibt sich aus der Zahl der Neuinfektionen minus der Zahl der Genesenen. Ist die Wachstumsrate größer als 0, steigen die Fallzahlen exponentiell. Ist sie kleiner als 0, dominieren die Genesungen und die Zahl der Neuinfektionen geht zurück. Du willst noch mehr über die wichtigsten Corona-Kennzahlen wissen? Dann bist du hier genau richtig.

💡 Erst durch die Ausgangsbeschränkungen und das Social Distancing sank der Wert auf unter 0. Deshalb waren die Maßnahmen laut den Forschern des Max-Planck-Instituts notwendig - ohne sie wäre die Kurve nicht so schnell abgeflacht.

Der "goldene Mittelweg" zwischen Wirtschaft und Medizin: die Reproduktionsrate 0,75

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    Die Reproduktionsrate (R) ist das "Barometer"der Corona-Maßnahmen. Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Ist sie bei 1, steckt der Erkrankte 1 weitere Person an. Sinkt sie unter 1, geht die Zahl der Infizierten zurück.

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    Laut RKI liegt die ideale Reproduktionsrate bei 0,75. Bei diesem Mittelwert kann sich die Wirtschaft vergleichsweise schnell erholen und die Todesfälle bleiben verhältnismäßig gering.

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    Laut Christian Drosten gibt es keine kollidierenden Interessen zwischen Wirtschaft und Gesundheit. Es ist ein gemeinsames Interesse.

Häufige Covid-19-Symptome und wo die Ansteckungsgefahr am größten ist

Weitere Forschung zur Eindämmung der Corona-Pandemie

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    Weltweit forschen Wissenschaftler am Corona-Virus und seiner Eindämmung. In Hongkong konnte ein Forscher-Team um Yuen Kwok-Yung an Hamstern nachweisen, dass OP-Masken das Ansteckungsrisiko um mehr als 60 Prozent verringern.

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    Tiere, die sich trotz Masken infizierten, hatten außerdem einen leichteren Krankheitsverlauf.

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    Für die Studie platzierten die Forscher einen Käfig mit an Corona erkrankten Hamstern neben einem Käfig mit gesunden Nagern. Zwischen den Käfigen spannten sie OP-Masken auf.

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    Yuen Kwok-Yung ist Mikrobiologe und war 2003 einer der Entdecker des SARS-Virus.

Ist die Maskenpflicht wirksam?

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    Auch Pneumologen (Lungen-Mediziner) in Deutschland forschen unermüdlich am Corona-Virus. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) gab ein offizielles Statement zur Wirksamkeit der Maskenpflicht:

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    Sowohl chirurgische als auch nicht-medizinische, aus Stoffen hergestellte Masken, haben einen Fremdschutzeffekt. "Zwar kann ein Mund-Nasen-Schutz die Ansteckung anderer nicht vollständig verhindern, er verringert jedoch die Gefahr, indem er infektiöse Tröpfchen beim Husten oder Niesen abfängt", so Dellweg, Chefarzt und Pneumologe.

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    "Infektion und Schwere der COVID-19-Erkrankung hängen sehr wahrscheinlich mit der inhalierten Virendosis zusammen. Jede Verringerung dieser Dosis - zum Beispiel durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes - ist somit von Vorteil", sagt Dr. med. Michael Pfeifer, Präsident der DGP.

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    Laut DGB sind Mund-Nasen-Masken ein zusätzlicher Schutz - sie ersetzen die anderen Maßnahmen nicht: "Verhalten Sie sich (...) so, als ob Sie keine Maske tragen: Verzichten Sie nicht auf den Mindestabstand von 1,5 Metern zu anderen Menschen und husten und niesen Sie in die Armbeuge", erklären die Experten. "Vermeiden Sie außerdem Berührungen im Gesicht und an der Maske und waschen Sie sich nach dem Absetzen der Maske sofort die Hände."

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Seit dem Beginn der Corona-Pandemie hat sich in Deutschland viel getan. Corona-Tests können jetzt häufiger durchgeführt werden und auch Gesundheitsämter können schneller auf Anliegen reagieren. Welche Fortschritte noch erzielt worden, zeigen wir im Video.

Veröffentlicht: 28.10.2020 / Autor: Carina Neumann-Mahlkau