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Winfried Stöcker

Selfmade-Corona-Impfstoff: Schnelle Lösung oder Gefahr?

Der Mediziner Winfried Stöcker hat auf eigene Faust einen Impfstoff gegen Corona entwickelt. Er glaubt, damit sei unser Impfproblem schnell und einfach zu lösen. Ist er ein Retter in der Not oder gehört er vor Gericht? Und wie wirkt sein Impfstoff?
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Das Wichtigste zum Thema Corona-Impfstoff von Winfried Stöcker

  • Der Labormediziner Winfried Stöcker hat in seinem Labor in Lübeck einen eigenen Corona-Impfstoff entwickelt. Er hält ihn für wirksam, sicher und für den "besten" aller Corona-Impfstoffe.

  • Pro Tag könnte man laut Stöcker leicht 1 Million Impfstoff-Dosen herstellen, die dann in der Arztpraxis bei 4°C im Kühlschrank lagerbar wären.

  • Auf seiner Homepage hat er das "Rezept" für seinen Protein-Impfstoff veröffentlicht - in der Hoffnung, dass ein Pharmakonzern die Idee umsetzt. Schon 2020 hatte er sich per Mail an das Paul-Ehrlich-Institut gewandt - die daraufhin angebotene Beratung jedoch nicht wahrgenommen.

  • Das Problem: Stöcker hat seinen Impfstoff nicht, wie vorgeschrieben, in klinischen Studien an vielen tausenden Probanden getestet. Es ist daher ungewiss, ob es Nebenwirkungen gibt und ob das Mittel wirklich gegen Corona schützt. Eine Zulassung ist damit ausgeschlossen.

  • Stöcker hat seinen Impfstoff dennoch sich selbst und rund 150 Familien-Mitgliedern und Mitarbeiter:innen verabreicht. Alle sind nun seiner Aussage nach vor Corona geschützt und hatten keine Nebenwirkungen.

  • Die Behörden haben gegen Stöcker Strafanzeige erstattet. Es ist auch Ärzten:innen nicht erlaubt, gesunden Menschen einen unerprobten Wirkstoff zu verabreichen.

So wirkt der Protein-Impfstoff von Stöcker

Auf der Hülle des Corona-Virus befinden sich spezielle Proteinstrukturen, die sogenannten Spike-Proteine. Mit diesen dockt das Virus an die Körperzellen an und dringt in sie ein. Erst in der Zelle findet die Viren-Vermehrung statt.

Für seinen Impfstoff hat Stöcker die Spike-Proteine in Zellkulturen im Labor nachgebaut. Die künstlichen Spike-Proteine fungieren als Antigen und sollen bewirken, dass der Körper dagegen Antikörper bildet. Kommt die geimpfte Person später mit echten Corona-Viren in Kontakt, machen die Antikörper sie unschädlich.

Ein Hilfsstoff (Adjuvans) soll die Wirkung des Impfstoffs verstärken. Er aktiviert die Immunabwehr.

Auch Pharmafirmen wie Novavax oder Sanofi/Glaxo-Smith-Kline (GSK) forschen an einem Protein-Impfstoff gegen Covid-19. Das Verfahren hat sich schon bewährt - etwa beim Hepatitis-B- und HPV-Impfstoff. Wie Impfungen überhaupt funktionieren, erfährst du hier.

Das machen Viren in deinem Körper

Corona, Masern, Grippe und FSME: Viren verursachen zahlreiche Krankheiten, obwohl sie gar keine Lebewesen sind. Mit welchen Tricks ihnen das gelingt, zeigen wir dir im Video.

Warum Stöckers Impfstoff problematisch ist

Nebenwirkungen soll es bei seinem Impfstoff praktisch nicht geben, so Stöcker. Von der Wirksamkeit ist er überzeugt, da er bei sich selbst und nach eigenen Angaben bei über 95 Prozent von 63 Geimpften Antikörper im Blut nachgewiesen hat.

Das Problem: Theoretisch ist beides denkbar, doch plausible Aussagen sind nur nach Tests mit tausenden Probanden möglich. Stöcker hat seinen Impfstoff nur rund 150 Menschen verabreicht und sogar nur bei 63 das Blut auf Antikörper untersucht. Das Risiko für unentdeckte schwere Nebenwirkungen ist damit hoch. Auch hat er nicht bewiesen, dass die Geimpften wirklich kein Corona bekommen.

Zudem bedeutet der Nachweis von Antikörpern nicht unbedingt, dass man sich nicht infizieren kann. Der Immunschutz ist komplex: Es gibt verschiedene Antikörper, und es spielen auch andere Immunzellen wie die T-Zellen bei der Abwehr der Viren eine Rolle. Auch hier fehlt es bei Stöcker an Daten.

Sicher und wirksam: Die Prüfung neuer Impfstoffe

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    Normalerweise dauert es Jahre, bis ein Impfstoff auf den Markt kommt. Bei Corona gelang dies durch Zusammenarbeit von Pharmafirmen und Behörden schon innerhalb eines Jahres.

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    Die bisher zugelassenen Impfstoffe haben trotzdem die vorgeschriebenen Phasen durchlaufen: Entwicklung, vorklinische Phase mit Versuchen an Zellen und Tieren, klinische Phase I bis III mit Versuchen an Menschen. Alle Vakzine wurden an mehreren zehntausend Probanden getestet. Was in den einzelnen Prüfphasen genau passiert, erfährst du hier.

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    Das oberste Ziel: Der Impfstoff muss wirksam sein - und vor allem sicher. Nebenwirkungen und Gegenanzeigen wie Vorerkrankungen oder die Einnahme von Medikamenten können nur bei einer großen Probandenzahl aufgedeckt werden.

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    Und selbst da sind mehrere zehntausend Probanden:innen teils offenbar zu wenig, wie der Fall AstraZeneca zeigt. Der Hersteller betont bis heute, dass es keinen Fall der Sinusvenen-Thrombose unter den Studien-Teilnehmer:innen gab. Allein in Deutschland sind heute aber schon 42 Fälle bekannt.

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    In Europa ist die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) für die Zulassungen von Impfstoffen zuständig. In Deutschland erteilt sie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI).

Vom Labor in die Apotheke

Im Clip siehst du, wie Medikamente auf den Markt kommen und warum das so lange dauert.

Wer ist Winfried Stöcker?

  • 👨‍⚕️

    Stöcker studierte in Würzburg Medizin, machte einen Doktor und wurde Facharzt für Labormedizin. Lange war er Leiter des Labors für Autoimmun-Diagnostik an der Medizinischen Universität Lübeck. Hier ist er auch als Professor tätig.

  • 🔬

    1987 gründete Stöcker das Unternehmen EUROIMMUN Medizinische Labordiagnostika AG. Es stellt Testsysteme her, mit denen im Blut von Patienten:innen Antikörper identifiziert werden. So kann man Allergien, Autoimmun- und Infektionskrankheiten nachweisen. Labore und Ärzte:innen auf der ganzen Welt nutzen die Systeme.

  • 💰

    2017 verkaufte Stöcker das Unternehmen für über 1 Milliarde Euro.

  • Stöcker besitzt etliche Patente im Bereich der Labormedizin - daneben aber auch das Görlitzer Warenhaus und den Flughafen Lübeck.

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    Seit mehreren Jahren ist Stöcker unter anderem wegen seiner ausländer- und frauenfeindlichen Aussagen stark umstritten. Die Lübecker Bürgerschaft verweigert deswegen jegliche Spenden von ihm und seinem Unternehmen.

Winfried Stöcker

Winfried Stöcker (Mediziner und Unternehmer) 2012 in Lübeck vor dem Flughafen. Heute ist er dessen Besitzer.

So funktionieren die zugelassenen Impfstoffe

Die bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffe von BioNTech und Moderna sowie die Vektor-Impfstoffe von AstraZeneca und Johnsonn & und Johnsonn zielen wie Stöcker's Impfstoff auch auf die Spike-Proteine ab.

Allerdings enthalten sie keine künstlich nachgebauten Spike-Proteine, sondern deren Bauanleitung - entweder in Form von fettumhüllter mRNA oder in Form von DNA, die sich in einem unschädlichen Vektor-Virus befindet. Der menschliche Körper produziert dann selbst Spike-Proteine.

Die Impfstoffe von BioNTech und Moderna sind mRNA-Impfstoffe. Die von AstraZeneca und Johnson & Johnson Vektor-Impfstoffe.

Grafik: Impfstoffe gegen Corona im Vergleich


Die Impfstoffe von Biontech, Moderna und AstraZeneca im Vergleich. Der neu zugelassene Impfstoff von Johnson & Johnson ist hier nicht mit aufgelistet.
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Veröffentlicht: 13.04.2021 / Autor: Larissa Melville