Amazonas: Forscher entdecken kochenden Fluss
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Amazonas: Forscher entdecken kochenden Fluss

vor 2 Jahren

Peruaner Andrés Ruzo war noch ein kleiner Junge, als ihm sein Großvater eine Geschichte von einem mysteriösen, kochenden Fluss erzählte. Zwölf Jahre später begab sich der – mittlerweile studierte – Geowissenschaftler auf die Suche nach dem „Boiling river“.

Ruzos Großvater erzählte die Legende über die Spanier, wie sie Peru eroberten, den Inka-Kaiser töteten und – hungrig nach Gold und Ruhm – mehr wollten. Immer mehr. Sie fragten die Inkas, wo es mehr Gold gebe. Aus Rache schickten sie die Spanier in den Amazonas. Dort gebe es eine ganze Stadt aus Gold.

Nur Wenige kehrten zurück. Die, die es taten, erzählten grauenvolle Geschichten: Von mächtigen Schamanen, Kriegern mit vergifteten Pfeilen, so hohen Bäumen, dass sie die Sonne verdunkelten, Spinnen, die Vögel fressen würden, Schlangen, die ganze Männer verschluckt hätten und einem kochenden Fluss.

Dieses Detail – wie alle anderen – wurden zu Kindheitserinnerungen, gerieten nach und nach in Vergessenheit. Die Jahre vergingen und Ruzo begann die Arbeit an seinem Doktor, versuchte Perus geothermisches Potential zu verstehen. Da erinnerte er sich und stellte sich die Frage: Kann dieser kochende Fluss tatsächlich existieren?

Der Beginn einer langen Reise

Es war der Startpunkt einer langen Reise. Einer Reise, die er 2011 antritt, von der er das erste Mal 2014 in einem TED Talk berichtete. Nun, im Februar 2016, veröffentlichte er Details zum kochenden Fluss. Ja, er hat ihn gefunden. Ja, er studiert ihn. Doch noch gibt es viele ungeklärte Ereignisse. Ungeklärte Begebenheiten. Ungeklärte Fragen.

Studien hat er gemacht. Dutzende. Das Wasser untersucht, Ergebnisse verglichen. Und Resultate hervorgebracht. Doch viele von ihnen hält er noch geheim. Warum? Weil er erst eine Garantie der peruanischen Regierung fordert, den kochenden Fluss zu schützen. Seine Umgebung. Seine Flora und Fauna. Vor Geldhaien. Vor „Investoren“. Vor Machtgierigen, die sich die scheinbar unendliche Energie zu Nutze machen wollen.

Nun zur Wissenschaft: Heiße Quellen kennen wir. Aus Island. Aus Japan. Vom Yosemite National Park. Das Besondere am kochenden Fluss: Hier gibt es kein Vulkan-System, das für die Erhitzung des Wassers verantwortlich sein kann. Der nächste vulkanische Krater ist über 700 Kilometer entfernt:

fluss


In der Nähe des kochenden Flusses gibt es keine Vulkane.
© Screenshot TED Talk 2014

Auf einer Länge von 6,24 Kilometern hat der Fluss eine durchschnittliche Temperatur von 86 Grad Celsius. Für seine sechs Meter Tiefe und durchschnittliche Breite von 25 Metern braucht es eine enorme Energie, um solche Massen Wasser auf so hohe Temperaturen zu treiben. Das reicht zwar nicht zum Nudeln kochen, aber es ist heiß genug, Lebewesen zu töten.

Zu oft hat Ruzo das beobachtet. Tiere seien hineingefallen. Als erstes sind die Augen dran. Sie bekommen eine milchige Farbe. Die Tiere werden von der Strömung mitgerissen. Sie versuchen an Land zu schwimmen. Doch ihr Fleisch ist bereits am Kochen. Sie versuchen sich zu wehren, dem Fluss zu entkommen. So lange bis sie keine Kraft mehr haben. Und das Wasser durch ihren Mund hinein strömt und die Oberhand gewinnt. Sie werden von innen gekocht. Ohne Chance auf Überleben.

Die Suche nach dem kochenden Fluss

Aber wie hat Ruzo den Fluss gefunden? Er fragte Uni-Kollegen, die Regierung, verschiedene Öl-, Gas- und Bergbauunternehmen. Keiner hatte je davon gehört. Sie bezweifelten seine Existenz. Er war in keiner Karte verzeichnet. Verzweifelt erzählte er seiner Familie davon. Dann war es seine Tante, die plötzlich mit den Worten „Doch, doch, den gibt es. Ich bin schon darin geschwommen“, aufsprang. Die Erklärung, warum sie nicht in der Hitze des Flusses starb, war einfach: Man könne nur nach schweren, langen Regenschauern darin schwimmen, da sie das Flusswasser abkühlen. Gemeinsam mit seiner Tante als Guide machte sich der Wissenschaftler auf in den Dschungel. Und sie fanden den kochenden Fluss. Weiter flussaufwärts hatte das Wasser eine normale Temperatur. Ganz plötzlich steigt es auf 86 Grad an. Dann fällt es wieder ab. Dann steigt es wieder an.

Photo Credit: Sofia Ruzo

Posted by The Boiling River Project on Dienstag, 2. Februar 2016

Mit dem Segen des örtlichen Schamans durfte Ruzo beginnen den Fluss zu studieren. Ein Versprechen musste er geben: Jede Probe, die er dem Fluss entnahm, in sein Labor brachte und untersuchte, musste am Ende wieder dem Fluss zugeführt werden. Zurück zu den Wurzeln. Und Ruzo tat es.

So fasziniert er auch von dem kochenden Fluss als Geowissenschaftler sein mag, ist klar zu erkennen, dass mittlerweile mehr dahinter steckt. Es ist ein Herzensprojekt geworden, dass er nicht nur untersuchen, sondern vor allem beschützen möchte. Er hat ein Buch veröffentlicht, eine NGO gegründet und jetzt erste Ergebnisse zu den Ursachen des fast kochend heißen Wassers veröffentlicht.

Demnach sei das Wasser meteorischen Ursprungs. Das heißt, es sei irgendwann einmal als Regen auf die Erde gekommen. Wo es herunter kam, bleibt noch ein Mysterium. Noch. Denn auch an diesen Ergebnissen ist Ruzo dran.

Nach den Regengüssen muss es wohl tief unter den Erdboden gesickert sein, dort von der Erdwärme erhitzt worden, bevor es im Amazonas wieder auftauchen konnte. Damit ist es Teil eines riesigen hydrothermalen Systems. Man müsse sich die Erde als menschlichen Körper vorstellen, mit Arterien voll heißem Wasser. Sie strömen durch den „Erd-Körper“. Es sind Risse und Sprünge. Dort, wo sie an die Erdoberfläche treten, gibt es geothermale Erscheinungsformen wie Fumarolen, heiße Quellen und eben einen kochenden Fluss.

Je tiefer man in die Erde eindringt, umso heißer wird es. Bis man zur geothermischen Tiefenstufe gelangt. Daher könne das originale Regenwasser sogar von Gletschern der Anden stammen. Einmal tief in der Erde versickert und erhitzt, kommt es im kochenden Fluss wieder heraus.

Shrouded in steam, @andresruzo takes a moment to survey the Sumiruna’s Pool along the Boiling River. With temperatures in the pool exceeding 170°, a careless step could mean your life. Last fall, I had the opportunity to journey to the heart of the Peruvian Amazon to document a mythic boiling river with @andresruzo. Though at one time the stuff of legends, the river is now under threat from the outside world. Illegal logging, cattle farming, industrialization are all quickly encroaching on the river at an unprecedented rate. In an effort to protect the river, a nonprofit has been created to work with international and local partners to save the river, the communities that call it home, and the forest that surround it. For more, follow our team @theboilingriver and check out @andresruzo TED talk. @natgeo @natgeoadventure @ted #theboilingriver #peru #amazon #explorers

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Ruzo besteht darauf, nicht als Entdecker des Flusses zu gelten. Ureinwohner und alte Völker hatten ihn lange vor ihm entdeckt. Jahrhunderte vor ihm. Ihn genutzt. Ihn getrunken. Mit ihm gekocht und das Haus gesäubert. Sie nennen ihn Shanay-timpishka, übersetzt etwa „gekocht mit der Hitze der Sonne“.

Selbst die Tierwelt hat sich angepasst. Gemeinsam mit Biologen hat Ruzo völlig neue Lebensformen entdeckt, die sich der Hitze angepasst haben.

Und obwohl er noch weitere Erkenntnisse und Ergebnisse seiner Studien ankündigt, hält er sie zurück. So lange, bis die peruanische Regierung einwilligt, den Fluss und seine heilige Städte für indigene Völker, Flora und Fauna zu schützen. Mit seinen ersten Publikationen will er Aufmerksamkeit erzeugen. Nicht nur für sein Projekt. Sondern vor allem für die Einzigartigkeit und Schönheit der Natur.

Die Flussmenschen im Amazonas, die Ribeirinhos, leben in großer Armut. Selbst die Kinder müssen ihren Teil dazu beitragen und begeben sich tagtäglich in Lebensgefahr:

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