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Das deutsche Gesundheits-System: Wie es entstand und was es so stark macht

Für uns ist es das Normalste der Welt, jederzeit zum Arzt gehen zu können. Das zahlen schließlich die Krankenkassen. Aber wer hat die eigentlich erfunden? Und wie viele Krankenhäuser und Betten gibt es in Deutschland?

Die wichtigsten Zahlen zum deutschen Gesundheits-System

  • Die Gesundheitsausgaben in Deutschland haben einen Anteil von über 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegen wir an 4. Stelle aller OECD-Staaten.

  • 2018 beliefen sich die Ausgaben auf 390,6 Milliarden Euro. Das sind 4.712 Euro pro Einwohner. Es ist damit eines der teuersten der Welt.

  • Die öffentliche Hand trug 77 Prozent dieser Kosten (OECD-Durchschnitt: 73 Prozent).

  • Die Personaldichte ist in Deutschland überdurchschnittlich hoch. 2018 kamen auf 1.000 Einwohner 4,33 Ärzte und 12 Krankenpfleger.

  • Fast 5 Millionen Menschen arbeiten in der Gesundheitswirtschaft. Das sind gut 10 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland.

  • 2018 gab es bundesweit 1.925 Krankenhäuser.

  • Diese verfügten über fast 500.000 Betten und konnten 19,4 Millionen Patienten pro Jahr behandeln.

  • Nur in der Anzahl der Apotheken steht Deutschland nicht gut da: Auf 100.000 Menschen kommen 23 Apotheken. Das liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 31.

Wem verdanken wir unser funktionierendes System der Krankenkassen?

  • 👴

    Eine besondere Rolle nimmt hierbei Otto von Bismarck (1815-1898) ein.

  • 🤴

    Während seiner Herrschaft erreicht das Deutsche Kaiserreich seine nationale Einheit - und er wird 1871 zum ersten Reichskanzler gekürt.

  • 📈

    In der Folge beginnt eine rasante wirtschaftliche Entwicklung: die Hoch-Industrialisierung. Fabriken, Städte und Bevölkerung wuchsen schnell an.

  • 🤝

    Auch die Zahl der Fabrikarbeiter und Bergleute steigt rasant. Deren Interessen werden vor allem von der Sozialdemokratischen Partei (SPD) vertreten.

  • 👷

    Dank des immer weiter wachsenden Einflusses der SPD reagiert Bismarck auf die Not der Arbeiterklasse, wenn auch aus Kalkül.

  • 🙌

    Anfang der 1880er Jahre werden 3 zentrale Sozialversicherungen verabschiedet: die Krankenversicherung 1883, die Unfallversicherung 1884 und die Alters- und Invalidenversicherung 1889.

  • Mit diesen Gesetzen wird erstmals ein Versicherungszwang für Arbeiter - und später auch für Angestellte - auf nationaler Ebene eingeführt.

Und dieses System ist bis heute geblieben

Mit dieser Sozialgesetzgebung legte Bismarck den Grundstein zur Sozialversicherung. Durch sie wird noch heute die medizinische Versorgung des größten Teils der Bevölkerung finanziert.

Eine Statue von Otto von Bismarck in Heidelberg


Eine Statue von Otto von Bismarck in Heidelberg.
© picture alliance

 

Die soziale Krankenversicherung in Deutschland ist das älteste System seiner Art auf der Welt. Ein Dorn in den Augen von Kritikern war und ist der Zwangs-Aspekt.

Heute bekommt jeder - unabhängig von Einkommen, Alter, sozialer Herkunft und persönlichem Krankheitsrisiko - die Medizin, die er benötigt. Und in Deutschland gibt es laut internationalem Vergleich sehr geringe Wartezeiten.

Bis heute wird die gesetzliche Krankenversicherung zu einem Teil vom Arbeitgeber und zum anderen Teil vom Arbeitnehmer getragen.

Muss ich krankenversichert sein?

Ja, seit 2009 ist das Pflicht für alle Bürger in Deutschland. Und: Kassen dürfen ihren Patienten nicht mehr kündigen.

Arbeitnehmer, die im Jahr weniger als 62.550 Euro brutto verdienen, müssen in eine gesetzliche Krankenkasse. Diese Gehaltsgrenze steigt jedes Jahr.

Verdienst du mehr oder bist aus einem anderen Grund nicht pflichtversichert, musst du dich freiwillig gesetzlich versichern oder in die private Krankenversicherung. Letzteres ist vor allem für Selbstständige und Beamte.

In einigen Fällen kannst du dich von der Krankenversicherungspflicht befreien lassen und in die private Krankenversicherung gehen, obwohl du wenig verdienst. Diese Entscheidung lässt sich aber nicht immer rückgängig machen und sollte gut überlegt sein.

Wie viele Menschen haben in Deutschland keine Krankenversicherung?

Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts leben in Deutschland rund 80.000 Personen ohne Krankenversicherung.

Vor allem Ausländer und Selbstständige sind nicht krankenversichert. Mit jedem Monat, in dem sie weiter ohne Versicherung bleiben, erhöhen sich ihre Beitragsschulden.

Viele Obdachlose sind in Deutschland nicht krankenversichert


Viele Obdachlose sind in Deutschland nicht krankenversichert.
© picture alliance/dpa

 

Da hier weder Obdachlose noch illegale Einwanderer berücksichtigt werden, dürfte die Dunkelziffer weitaus höher liegen. Es gibt sogar Schätzungen von bis zu 800.000 Menschen ohne Krankenversicherung.

Wir werden immer älter

Und wie sieht es in anderen Ländern aus?

  • 🙅‍♂️

    In Europa ist Deutschland nicht das einzige Land mit einer Krankenversicherungs-Pflicht. Auch in Schweden, der Schweiz sowie in den Niederlanden ist für deren Bürger eine Krankenversicherung verpflichtend.

  • 🤬

    In den USA gibt es bis heute keine Pflichtversicherung. Seit Jahren werden dort heftige Debatten um eine allgemeine Krankenversicherung geführt. Jeder US-Amerikaner muss in der Regel die Behandlungskosten selbst bezahlen.

  • 🇩🇰

    Dänemark wurde als das Land mit dem am besten entwickelten öffentlichen Gesundheits-System eingestuft. Im Wesentlichen haben die Bürger eine kostenlose Gesundheitsversorgung, die hauptsächlich durch die Einkommenssteuer finanziert wird.

  • 👍

    Auch das Gesundheits-System in Neuseeland wird oft gelobt. Es ist staatlich und von hoher Qualität.

  • 👨‍⚕️

    Für viele überraschend: Kubas Gesundheits-System kann mit denen einiger EU-Staaten mithalten. Auf der karibischen Insel werden seit Jahrzehnten viele Ärzte ausgebildet, die weltweit im Einsatz sind. Zudem sind alle Bürger krankenversichert.

  • 🌍

    Besonders schlechte Leistungen gibt es in Afrika. In Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik oder dem Südsudan gibt es de facto keine Krankenversicherung.

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Veröffentlicht: 01.07.2020 / Autor: Benjamin Reibert

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