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Medizin 4.0: Wenn der Chirurg per Skype die OP leitet

Ferngesteuerte OPs, intelligente Implantate, Exoskelette, Roboter - das alles wird in der Medizin bereits eingesetzt. Wie genau die moderne Technik funktioniert und welche Neuheiten in Planung sind, erfährst du hier.
Arzt

Das Wichtigste zum Thema Medizin 4.0

  • Die Medizin erlebt zurzeit vor allem in 3 Bereichen einschneidende Veränderungen: Monitoring durch Wearables, Diagnostik durch maschinelles Lernen und Entwicklung von Medikamenten durch computerbasierte Prognosen.

  • Außerdem hat das neue 5G-Netz Auswirkungen auf den Klinik-Alltag: Chirurgen können nun aus Tausenden Kilometern Entfernung eine OP leiten.

  • Und der Mensch kommt dem Cyborg immer näher: Mit modernen Prothesen, Implantaten sowie dem Bio-Hacking.

  • Was soll da noch kommen? Jede Menge: Intelligente Implantate, Hörkontaktlinsen und menschliche Genmodifikation könnten die nächsten Meilensteine sein.

Was ist heute bereits möglich?

🎮 Ferngesteuerte Operationen

An 2 Orten gleichzeitig sein? Eigentlich unmöglich. Aber die 5. Generation des Mobilfunkstandards ermöglicht Datenübertragungen praktisch in Echtzeit. Statt 8 Sekunden Übertragungszeit, dauert es mit 5G gerade einmal 0,2 Sekunden.

Dadurch kann ein Chirurg zum Beispiel in den USA sein und zeitgleich eine OP in Hamburg leiten. Die Uni-Klinik in Barcelona testet bereits ein 5G-basiertes System. Erfolgreich.

🤖 Da Vinci im OP-Saal

Keine Angst, die Forscher haben dafür nicht den alten Maler wiederbelebt. Gemeint ist ein Roboter, der Chirurgen unterstützt: das "Da Vinci Surgical System".

Über einen Bildschirm sieht der Arzt dabei ein vergrößertes Bild des Einschnittes, er kann also deutlich präziser arbeiten. Das Skalpell steuert er über eine Art "Roboter-Gelenk", als hätte er es tatsächlich in der Hand.

An der Uni-Klink Düsseldorf ist Da Vinci schon im Einsatz, mit vielen Vorteilen: weniger Blut, weniger Schmerzen nach der OP und damit auch weniger Tage im Krankenhausbett.

⌚ Dauerdiagnostik

Wearables wie Smartwatches nehmen dem Personal betreuungsintensive Arbeit ab wie die Beobachtung chronischer Krankheiten und die Überwachung von Vitalwerten.

Vor allem in der Pflege ist eine 24/7-Beobachtung der Patienten wichtig. So nutzen zum Beispiel Wohngemeinschaften für Demenzkranke solche Wearables.

🌿 Regenerative Medizin

Natürliches Gewebe von Tieren oder Menschen in eine Wunde eingesetzt, fördert die Wundheilung. Das Risiko: Bei der Transplantation können auch Allergene oder Krankheitserreger mitwandern. Zumindest noch.

Erste Firmen gewinnen bereits Gewebe aus Pflanzen, das identisch mit dem menschlichen ist. Eine besonderes Reinigungsverfahren garantiert zudem, dass kein Keim mehr in die Wunde kommt.

💻 KI als digitaler Assistent

Künstliche Intelligenz (KI) hilft den Überblick über all die endlosen Mengen an Daten in Krankenhäusern zu behalten. Sie kategorisiert Daten und durchsucht diese in Sekundenschnelle.

Erste Algorithmen werden schon trainiert, Diagnosen anhand von CT-Scans zu erstellen. Allerdings wird die KI den menschlichen Arzt erstmal nicht ersetzen, denn die Diagnose stellt einzig und allein ein Mensch.

So viel Cyborg ist heute schon machbar

Was für Sensationen hält die Zukunft bereit?

Intelligentes Implantat

Ein Implantat, das aktiv die Heilung beschleunigt. Daran forschen gerade Professor Tim Pohlemann und sein Team an der Universität des Saarlandes.

So geht's: Das Implantat überwacht beispielsweise den Knochenbruch rund um die Uhr und bewegt sich je nach Bedarf. Vereinfacht gesagt: Der Zweck des Implantats ist es, permanent die perfekte Krankengymnastik bereitzustellen. 2025 soll der Prototyp fertig sein.


Professor Tim Pohlemann zeigt Implantat
© Oliver Dietze/Universität des Saarlandes

 

Kontaktlinse fürs Trommelfell

Die Hörkontaktlinse, die von Forschern des Fraunhofer-Instituts für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) entwickelt wurde, sitzt wie eine Kontaktlinse auf dem Trommelfell.

Dadurch ist sie von außen nicht sichtbar und bietet einen besseren Klang. Die Hörkontaktlinse ist für rund 85 Prozent aller Schwerhörigen geeignet. Ab 2021 soll sie in Deutschland verfügbar sein.

Gen-Schere (Crispr)

Die sogenannte Gen-Schere gibt es schon: Mit dem Mechanismus Crispr/Cas9 (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) können Wissenschaftler DNA-Bausteine hinzufügen, stilllegen oder entfernen. Auch beim Menschen.

Ende 2018 behauptete ein chinesischer Forscher, das Erbgut von Zwillingen gezielt bearbeitet zu haben. Aus Gründen wie diesen ist die Crispr-Maßnahme sehr umstritten: Ist es ethisch und moralisch vertretbar, Erbgut nach Wunschvorstellungen zu verändern?

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Veröffentlicht: 08.03.2020 / Autor: Alexander Duebbert