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Mann nimmt Medikamente

Placebo-Effekt: Was dahinter steckt - und wie du ihn nutzt

Der Placebo-Effekt fasziniert die Medizin. Obwohl Menschen nur eine Schein-Behandlung oder ein Schein-Medikament bekommen, werden ihre Beschwerden gelindert. Studien belegen die Veränderungen im Körper. Und du kannst das sogar selbst testen!
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Das Wichtigste zum Thema Placebo-Effekt

  • Placebo bedeutet übersetzt "Ich werde gefallen". Als Placebo-Effekt bezeichnet man die Scheinwirkung eines Medikaments oder einer Behandlung.

  • Selbst bei Tieren wurde bereits ein Placebo-Effekt nachgewiesen.

  • Placebos sind vor allem aus der Forschung bekannt. In Studien bekommt die Kontrollgruppe zur Überprüfung der Wirksamkeit eines Medikaments beispielsweise nur eine Zuckerpille.

  • Allerdings sind die Verbesserungen bei der Kontrollgruppe nicht immer dem Placebo-Effekt zuzuschreiben, sondern auch spontanen Effekten oder anderen Behandlungen. Zur Kontrolle des Placebo-Effekts sind deshalb [Vergleiche mit unbehandelten Probanden und Probandinnen] (https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/1741-7015-5-3) nötig.

  • Das Gegenteil des Placebo-Effekts ist der so genannte [Nocebo-Effekt] (https://www.galileo.tv/gesundheit/frage-des-tages-was-ist-bitte-der-nocebo-effekt/). Er bezeichnet das Phänomen, wenn es zum Beispiel durch die Risiko-Aufklärung vor einer OP zu Nebenwirkungen kommt oder ein Medikament weniger wirksam ist, weil das von Arzt oder Ärztin so suggeriert wurde.

Wie funktioniert der Placebo-Effekt?

  • 👨‍⚕️

    Bekommt der Patient oder die Patientin beispielsweise ein Schein-Medikament, wie zum Beispiel eine Zuckerpille ohne Wirkung, und erlebt trotzdem eine Besserung der Beschwerden, nennt man das Placebo-Effekt.

  • 👩‍🔬

    Es gibt sogar Open Label Placebos. Das bedeutet, die Patienten und Patientinnen werden voll darüber aufgeklärt, dass sie ein Placebo bekommen -und es bessern sich trotzdem ihre Beschwerden. Das belegte unter anderem der [Placebo-Forscher Ted Kaptchuk] (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6889847/).

  • 💊

    Der Placebo-Effekt beruht auf der positiven Erwartungshaltung, dass es eine Wirkung gibt. Und auf der Konditionierung, der Kopplung an einen unbewussten Reiz. Etwa wenn du ein Medikament immer mit einem bestimmten Saft einnimmst oder eine Pille eine bestimmte Farbe hat.

  • 🙏

    Die Hoffnung und der Glaube daran aktivieren offenbar Nervenzellen und Hormone und tragen zu den Selbstheilungskräften des Körpers bei - das beweisen Studien.

  • 💪

    Forscher:innen des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie der Universität Essen konnten zeigen, dass teilweise bis zu 80 Prozent der Wirkung starker Medikamente bei Autoimmun-Krankheiten auch durch Placebos erreicht werden können.

Wie funktioniert Konditionierung? Das Experiment von Pawlow

Konditionierung bedeutet, dass der Körper verschiedene Reaktionen durch Erfahrung erlernen kann. Besonders bekannt ist das Experiment des russischen Arzts Iwan Petrowitsch Pawlow. Er stellte fest, dass der Hund sabbert, sobald er nur den Besitzer kommen hört - weil er damit die Fütterung verbindet.

Pawlow leitete daraus seinen Versuch ab. Er läutete jedes Mal eine Glocke, wenn der Hund Futter bekam. Nach mehreren Durchgängen läutete er nur noch die Glocke, ohne den Hund zu füttern. Trotzdem sabberte der. Das Tier hatte also das Läuten der Glocke als Zeichen für die Fütterung verbunden - und damit setzte automatisch die körperliche Reaktion ein.

Welche Schein-Behandlungen gibt es?

  • Operationen: Schein-OPs können eine ähnliche Wirkung haben wie echte Eingriffe. Das zeigte beispielsweise der Orthopäde Bruce Mosley vom Baylor College of Medicine in Houston. Bei den Patient:innen, die einer Knie-OP unterzogen wurden und anderen, denen der Eingriff nur vorgetäuscht wurde, zeigte sich in einem Zeitraum von 2 Jahren kein Unterschied.

  • Schein-Akupunktur: Ob eine Akupunktur nach den klassischen Vorgaben der traditionellen chinesischen Medizin oder an unwirksamen Punkten durchgeführt wird, macht laut der so genannten GERAC-Studie oft [keinen Unterschied] (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17893311/). Auch das Setzen der Nadeln an den falschen Punkten kann helfen.

  • Spritzen: Injektionen ohne Wirkung werden bessere Wirksamkeit als jeder anderen Schein-Behandlung nachgesagt. Besonders dann, wenn ein Arzt oder eine Ärztin sie verabreicht.

Frau bekommt Akupunktur

Auch eine Schein-Akupunktur kann Schmerzen lindern.

Was passiert beim Placebo-Effekt im Körper?

Der Placebo-Effekt ist keine Einbildung. Du redest dir nicht ein, dass es dir besser geht, sondern es gibt körperliche Beweise dafür.

Festgestellt wurde eine schmerzlindernde Wirkung durch Placebos zum Beispiel im Bereich des Rückenmarks. Das belegten unter anderem die Forscherin Ulrike Bingel und ihre Kolleg:innen von der Universität Hamburg in einer Studie.

Auch im Großhirn wie der Amygdala, wo Erfahrungen abgespeichert sind, werden entspannende Botenstoffe ausgeschüttet. Der kontrollierende präfrontale Kortex im Gehirn hat offenbar ebenfalls Einfluss auf die Hirnareale, die für die Schmerz-Wahrnehmung zuständig sind.

So kann dir der Placebo-Effekt helfen

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    Den Konditionierungs-Effekt kannst du so nutzen: Bringe ein Medikament, das bisher immer gut gewirkt hat, mit einem bestimmten Sinnesreiz in Verbindung.

  • 🤒

    Wer beispielsweise Kopfschmerzen hat und die Schmerztablette immer mit einem bestimmten Geruch wie Pfefferminzöl auf der Stirn kombiniert oder die Tablette mit geschmacksintensivem Sanddornsaft zu sich nimmt, verbindet den Sinnesreiz mit der Wirkung. Aktuell wird untersucht, ob sich so auf Dauer der Konsum von Schmerzmitteln reduzieren lässt.

  • 🤒

    Solltest du in medizinischer Behandlung sein, bespreche die Medikamenten-Einnahme aber immer mit deinem Arzt oder deiner Ärztin!

Veröffentlicht: 17.04.2021 / Autor: Bianca Leppert