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Schmerz lass nach! Meditieren und Fluchen statt Medikamente

Verdammte Sch....! Wenn du Schmerzen hast, fluche, meditiere oder gehe zur Akupunktur. Studien zeigen: Alternative Methoden lindern Schmerzen teils sogar besser als Medikamente. Eine neue Option: Cannabinoide.

Lass es raus! Fluchen erhöht die Schmerztoleranz

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    2009 veröffentlichten britische Psychologen die Studie "Fluchen als Antwort auf Schmerz". Sie zeigte, dass Menschen körperliche Schmerzen besser tolerieren, wenn sie laut schimpfen - vor allem bei Geburten.

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    Das Papier wurde damals zum Gespött. Die Forscher erhielten den Witzpreis der Forschung, den satirischen Ig-Nobelpreis.

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    Doch 8 Jahre später präsentierte einer der Autoren weitere Belege dafür, dass lautes Fluchen Schmerzen lindern kann.

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    Seine Untersuchungen belegen: Fluchen erhöht die Schmerztoleranz. Auf welcher Sprache geflucht wird, ist nicht relevant.

Aber: Nur echtes Fluchen lindert den Schmerz

Um Schmerzen zu lindern, müsst ihr es mit dem Fluchen ernst meinen. Das zeigt ein Experiment der Wissenschaftler Richard Stephens und Olly Robertson von der britischen Keele University.

Sie fanden bei einem Versuch mit Kälteschmerz heraus, dass die Probanden die Schmerzen länger ertragen, wenn sie "Fuck" rufen durften. Wirkungslos blieben stattdessen blieben erfundene Fluchwörter wie "Twizpipe" oder "Fouch".

Die Wissenschaftler führten eine Kälte-Experiment durch

© (c) dpa

Die Verwendung des Wortes "Fuck" erhöhte die Schmerztoleranz der Teilnehmer um 33 Prozent. Ihre Schmerzschwelle stieg um 32 Prozent. "Das bestätigt die früheren Ergebnisse zum positiven Effekt des Fluchens auf das Schmerzempfinden", resümierten die Forscher.

Ab aufs Kissen: Meditation kann Schmerzen lindern

Mehrere Studien belegen die positive Wirkung von Meditation auf das Schmerzempfinden. Zudem verbessern sich die Konzentration und Aufmerksamkeit. Forscher der Wake Forest University haben die entsprechenden Vorgänge im Gehirn nachgewiesen. Ihre Studie zeigt: Du musst nicht monatelang üben. Bereits nach wenigen Tagen kann Meditation gegen Schmerz wirken.

Ihr Versuch: Sie montierten Probanden eine 50 Grad warme Platte ans Bein. 6 Minuten lang wurde sie im Abstand von einigen Sekunden an- und ausgeschaltet - dieser Zustand ist für Menschen schmerzhaft. Danach schrieben die Teilnehmer auf, wie stark und unangenehm das Gefühl war. Gleichzeitig maßen die Forscher ihre Hirnaktivität mit Hilfe einer Kernspintomografie.

Anschließend wurde das Szenario wiederholt. Einziger Unterschied: Die Teilnehmer meditierten während der Prozedur. Dafür wendeten sie die Achtsamkeits-Meditation an, bei der sie sich hauptsächlich auf ihren Atem konzentrierten.

Meditieren hilft, um Schmerzen zu lindern

© picture alliance / Godong

 

 

Das Ergebnis: Die Probanden empfanden die Schmerzen 40 Prozent weniger intensiv und 57 Prozent weniger unangenehm, wenn sie meditierten. Laut den Forschern sind das Werte, die manche Schmerztablette übertreffen. Unter ähnlichen Versuchsbedingungen schnitt sogar das starke Schmerzmittel Morphium etwas schlechter ab.

Cannabis als Waffe gegen chronische Schmerzen

  • Sogenannte Cannabinoide können in manchen Fällen chronische Schmerzen lindern. Das belegen mehrere voneinander unabhängige Studien.

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    Die Wirksamkeit bestimmter Präparate hängt meist von der individuellen Situation des Patienten ab. Studien zeigen: Je länger die Krankheit andauert, desto besser stehen die Chancen auf Schmerzlinderung durch Cannabinoide.

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    Cannabinoide werden meist begleitend zu klassischen Schmerzmitteln verabreicht. Sie können die Wirkung anderer Schmerzmittel verstärken.

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    In Deutschland sind Cannabisblüten und -extrakte seit März 2017 als Arzneimittel zugelassen.

Akupunktur ist ein uraltes Mittel gegen Schmerz

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    Akupunktur ist eine über 2.000 Jahre alte Heilmethode der Traditionellen Chinesischen Medizin. Therapeuten stechen dabei Nadeln in bestimmte Hautregionen.

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    Die klassische Akupunktur basiert auf der Lehre von Yin und Yang, die später durch die Fünf-Elemente-Lehre und der Lehre von den Meridianen ergänzt wurde.

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    Sie setzt auf 3 Verfahren: Einstechen von Nadeln in die Akupunkturpunkte, Erwärmen der Punkte, Massage der Punkte.

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    Nadeln soll die körpereigenen Heilungskräfte aktivieren und den Organismus ins Gleichgewicht bringen.

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    Eine Akupunktursitzung dauert etwa 20 bis 30 Minuten. Wichtig: Der Patient sitzt oder liegt und soll während der Behandlung möglichst entspannt sein.

Das Wichtigste zum Thema Schmerzen

  • Aua! Unser Körper ist übersät mit Schmerzrezeptoren. Von dort wird über Nervenbahnen das Schmerzsignal ins Rückenmark und von dort ins Gehirn geleitet. Der Körper wird in Alarmbereitschaft gesetzt.

  • Auch wenn Schmerzen lästig sind, wären wir ohne dieses Warnsignal schlecht dran. Menschen, die wegen eines genetischen Defekts kein Schmerzempfinden besitzen, haben sogar eine geringere Lebenserwartung.

  • Das meist gekaufte Schmerzmittel ist Ibuprofen. Mehr als die Hälfte des Umsatzes (320 Millionen Euro) rezeptfreier Schmerzmittel entfiel im Jahr 2017 auf ibuprofenhaltige Präparate.

  • Auch beliebt sind Paracetamol und Acetylsalicylsäure. Solch Schmerzmittel setzen vor allem körperlich an. Sie hemmen die Bildung von bestimmten Botenstoffen und Enzymen.

  • Ein neues Schmerzverständnis bezieht auch die Psyche ein. Denn wie sehr uns ein Schmerz quält, hängt auch von der mentalen Einordnung des Reizes ab. Schmerz ist nicht gleich Schmerz: Das Empfinden ist von Person zu Person unterschiedlich und wird auch von Tagesform und Stimmung beeinflusst.

  • Moderne Schmerztherapien versuchen nicht nur den körperlichen Schmerz über Medikamente abzustellen, sondern gezielt positive Emotionen zu stärken und so das Wohlbefinden zu steigern - beispielsweise über Meditation. Dabei gibt es auch keine unerwünschten Nebenwirkungen.

Streitthema: Empfinden Männer und Frauen Schmerzen unterschiedlich stark?

Der Wissenschaftler Robert Sorge und der Schmerzexperte Jeffrey Mogil der McGill University in Montreal fanden bei Experimenten mit Mäusen heraus: Weibchen besitzen ein anderes Schmerzempfinden als Männchen.

Tests mit Hitzereizen auf der Haut bei Menschen ergaben, dass Männer ein ausgeprägteres Schmerzgedächtnis haben und bei wiederholter Konfrontation mit dem Hitzereiz empfindlicher reagierten. Aufgrund dieser Ergebnisse drängen Forscher zunehmend darauf, das Geschlecht als wichtige Variable in der biomedizinischen Forschung zu betrachten.

Dem gegenüber stehen zahlreiche Studien, die davon ausgehen, dass Männer und Frauen gleichermaßen Schmerz empfinden. Da es bisher keine objektive Methode zur Schmerzmessung gibt, bleibt das Thema wohl vorerst ein Streitfall.

Veröffentlicht: 29.06.2020 / Autor: Benjamin Reibert

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