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Sind Globulis mehr als nur Zucker? Worum es im Homöopathie-Streit geht

Die kleinen Zuckerkügelchen sorgen seit Jahren für Debatten. Aktuell steht die Frage im Raum, ob die gesetzliche Krankenversicherung sie zahlen soll oder eben nicht. Worum es genau geht.

Das Wichtigste zum Thema Homöopathie

  • Frankreich sagt "Nein": Ab 2021 wird Homöopathie bei unseren Nachbarn als Kassenleistung gestrichen. Bisher wurden 30 Prozent der Kosten erstattet.

  • Der Entschluss sorgte in Deutschland für einen Streit bis in den Bundestag, ob es noch homöopathische Produkte oder Behandlungen auf Rezept geben soll.

  • Einer Umfrage des Forsa-Instituts zufolge ist es 73 Prozent aller Deutschen "wichtig" oder "sehr wichtig", dass Krankenkassen homöopathische Arzneimittel bezahlen. Auch um Mitglieder zu halten oder zu gewinnen, übernehmen einige Kassen die Kosten daher anteilig oder ganz.

  • Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) findet die Kostenübernahme "okay", andere Politiker und Parteien ganz und gar nicht.

  • Warum Spahn so entspannt reagiert, könnten diese Zahlen erklären: Der Anteil der Kostenübernahme für Globuli & Co. lag 2018 mit 20 Millionen Euro bei nur 0,05 Prozent der Gesamtausgaben für Arzneimittel durch die gesetzliche Krankenkasse (GKV).

  • Die GKV zahlt jedes Jahr 40 Milliarden Euro für verschreibungspflichtige Medikamente - so viel wie die große Koalition in den nächsten drei Jahren in den Klimaschutz investieren will.

  • Insgesamt belaufen sich die Kosten für unsere medizinische Versorgung auf 226 Milliarden Euro pro Jahr. Das entspricht übrigens der jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP) von Finnland.

Homöopathie: Die wichtigsten Infos im Überblick

  • 👨‍⚕️

    Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843) gilt als Begründer der Homöopathie. Das Wort bedeutet übersetzt "ähnliches Leiden".

  • 🏥

    Experten ordnen sie, wie zum Beispiel die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Schüssler-Salze, Bachblüten-Therapie und Ayurveda der Komplementär-Medizin zu. Sie versteht sich als Ergänzung zur Schulmedizin.

  • 😲

    Die Homöopathie basiert auf dem so genannten Ähnlichkeitsprinzips. Dahinter steckt die Idee, eine Krankheit könne am besten mit dem Mittel behandelt werden, das bei einem Gesunden ähnliche Beschwerden auslöst.

  • 🤧

    Als Beispiel bemühen Homöopathen gerne die Zwiebel. Sie löst bei fitten Menschen tränende Augen und eine laufende Nase aus und wird daher bei den symptomatisch ähnlichen Beschwerden einer Erkältung eingesetzt.

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    Dafür werden pflanzliche, tierische oder mineralische Wirkstoffe stark verdünnt (Homöopathen sprechen von "potenziert") und auf Trägerstoffe gegeben. Am bekanntesten sind Globuli, also Zuckerkügelchen. Es gibt jedoch auch Salben, Tropfen und Tabletten.

  • 🌱

    Die Annahme von Homöopathen: Desto höher die Verdünnung der Wirkstoffe ist, desto stärker soll die Wirkung sein. Es gibt 2.500 anerkannte Wirkstoffe von A wie Arnica bis Z wie Zincum.

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    Homöopathie ist ein attraktiver Wirtschaftsfaktor: 670 Millionen Euro Umsatz generierten Apotheken 2018 mit homöopathischen Arzneimitteln, mehr als mit Schmerzmitteln oder Antibiotika.

  • 🤔

    Es fehlen bis heute seriöse und repräsentative Studien, die belegen, dass homöopathische Mittel Beschwerden lindern oder heilen können.

Das sagen die Kritiker

Gegner der Alternativmedizin bemängeln eben, dass es keine wissenschaftlichen Wirknachweise gibt. Zudem wird das homöopathische Prinzip, wonach eine höhere Verdünnung des Wirkstoffs eine größere Wirkung haben soll, als unwissenschaftlich kritisiert.

Mögliche positive Effekte werden auf den so genannten Placebo-Effekt (was das genau ist, wird weiter unten erklärt) geschoben.

Deswegen fordern Kritiker wie die Bundesärztekammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV den gleichen Schritt wie in Frankreich: Wer Homöopathie möchte, soll sie selbst bezahlen.

Der Marburger Bund, der Berufsverband der angestellten und beamteten Ärzte in Deutschland, ist zudem gegen die Zusatzweiterbildung Homöopathie durch die Ärztekammern.

Kleines Homöopathie-ABC

  • Globuli: Die kleinen weißen Kügelchen auf Milchzuckerbasis wollen eine Information des Wirkstoffes enthalten und übertragen. Einen Beweis gibt es dafür nicht.

  • Placebo: Dabei handelt es sich um ein Scheinmedikament, also ein Arzneimittel ohne Wirkstoff. Tritt nach Einnahme trotzdem ein positiver Effekt auf, sprechen Fachleute vom Placebo-Effekt. Dabei spielen psycho-soziale Mechanismen eine Rolle, etwa der Glaube und Wunsch an die Wirkung, aber auch die Überzeugungskraft des Behandlers und die Beziehung zum Patienten.

  • Potenz: Sie zeigt an, wie stark die Ausgangssubstanz verdünnt, also potenziert wurde. Dahinter steckt ein von Hahnemann entwickeltes Verfahren, indem Wirkstoffe verschüttelt oder verrieben werden, bis zum Teil keine Moleküle der Substanz mehr nachweisbar sind. Darauf fußt auch die Kritik der Gegner.

So entstehen Globuli & Co.

Globuli


Globuli: mehr als nur Zuckerkügelchen?
© picture alliance/chromorange

 

  1. Grundlage aller homöopathischen Arzneimittel ist die so genannte Urtinktur. Sie kann aus Heilpflanzen, tierischen oder mineralischen Bestandteilen bestehen, die 10 bis 30 Tage in einem Wasser-Alkohol-Gemisch eingelegt, gelöst und dann abgepresst werden.
  2. Anschließend wird die Urtinktur mit einem Ethanol-Wasser-Mix potenziert, also verdünnt und von Hand auf eine elastische Unterlage geschlagen. Homöopathen sprechen von Verschütteln.
  3. Je nach gewünschter Potenz wird das Verdünnen und Verschütteln wiederholt. Hahnemann ging davon aus, dass homöopathische Mittel umso stärker wirken, desto mehr sie potenziert werden.
  4. Zum Teil werden sie so stark verdünnt, dass am Ende keine Moleküle der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar sind. Laut Homöopathen soll aber die Information des Wirkstoffs in der Urtinktur vorhanden sein.
  5. Im letzten Schritt werden die Globulis (Kügelchen auf Milch- oder Zuckerrohrbasis) mit den Potenzen imprägniert, also vermischt.
Veröffentlicht: 01.02.2020 / Autor: Stephanie Arndt

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