Themenseiten-Hintergrund

Sollen Krankenkassen für Homöopathie zahlen? Was dafür und was dagegen spricht

Viele Deutsche vertrauen auf die Heilkraft der Homöopathie, Kritiker hingegen halten Globuli und Co. für Hokuspokus. Sollen die gesetzlichen Krankenkassen für die umstrittene Heilmethode zahlen? Alle Argumente im Überblick.
Sollen Krankenkassen die Kosten für Homöopathische Arzneimittel übernehmen?

Das Wichtigste zum Thema Homöopathie

  • Die Homöopathie wurde vor mehr als 200 Jahren erfunden - von dem deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755-1843).

  • Ausgangssubstanz von homöopathischen Mitteln ist häufig eine sogenannte "Urtinktur". Diese wird immer weiter verdünnt und geschüttelt, bis die gewünschte "Potenz" erreicht ist. Homöopathen glauben: Je verdünnter die Substanz, desto höher ihre Wirksamkeit.

  • Doch bislang konnte noch keine wissenschaftliche Studie eine Wirksamkeit nachweisen.

  • Einer Umfrage des Forsa-Instituts zufolge ist es 73 Prozent aller Deutschen "wichtig" oder "sehr wichtig", dass Krankenkassen homöopathische Arzneimittel bezahlen. Auch um Mitglieder zu halten oder zu gewinnen, übernehmen einige Kassen die Kosten daher anteilig oder ganz.

  • In Frankreich müssen die homöopathischen Mittel ab 2021 aus eigener Tasche bezahlt werden - bisher wurden 30 Prozent der Kosten erstattet. Hierzulande wird noch diskutiert.

  • Der Entschluss sorgte in Deutschland für einen Streit bis in den Bundestag, ob es noch homöopathische Produkte oder Behandlungen auf Rezept geben soll. Was spricht dafür - und was dagegen? Alle Argumente findest du hier.

Dafür oder Dagegen: Das ist das Voting-Ergebnis

Die Zuschauer haben in der Galileo-App abgestimmt!

Sollten die Krankenkassen für Homöopathie zahlen? 52 Prozent der Galileo-Zuschauer sind dafür.


Sollten die Krankenkassen für Homöopathie zahlen? 52 Prozent der Galileo-Zuschauer sind dafür.
© Galileo

Homöopathie: Die wichtigsten Infos im Überblick

  • 👨‍⚕️

    Das Wort "Homöopathie" bedeutet übersetzt "ähnliches Leiden".

  • 🏥

    Experten ordnen sie, wie zum Beispiel die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Schüssler-Salze, Bachblüten-Therapie und Ayurveda der Komplementär-Medizin zu. Sie versteht sich als Ergänzung zur Schulmedizin.

  • 😲

    Die Homöopathie basiert auf dem sogenannten Ähnlichkeits-Prinzip. Dahinter steckt die Idee, eine Krankheit könne am besten mit dem Mittel behandelt werden, das bei einem Gesunden ähnliche Beschwerden auslöst.

  • 🤧

    Als Beispiel bemühen Homöopathen gerne die Zwiebel. Sie löst bei fitten Menschen tränende Augen und eine laufende Nase aus und wird daher bei den symptomatisch ähnlichen Beschwerden einer Erkältung eingesetzt.

  • 💊

    Dafür werden pflanzliche, tierische oder mineralische Wirkstoffe stark verdünnt (Homöopathen sprechen von "potenziert") und auf Trägerstoffe gegeben. Am bekanntesten sind Globuli, also Zuckerkügelchen. Es gibt jedoch auch Salben, Tropfen und Tabletten.

  • 🌱

    Die Annahme von Homöopathen: Desto höher die Verdünnung der Wirkstoffe ist, desto stärker soll die Wirkung sein. Es gibt 2.500 anerkannte Wirkstoffe von A wie Arnica bis Z wie Zincum.

  • 🤑

    Homöopathie ist ein attraktiver Wirtschaftsfaktor: 670 Millionen Euro Umsatz generierten Apotheken 2018 mit homöopathischen Arzneimitteln, mehr als mit Schmerzmitteln oder Antibiotika.

  • 🤔

    Es fehlen bis heute seriöse und repräsentative wissenschaftliche Studien, die belegen, dass homöopathische Mittel Beschwerden lindern oder heilen können.

Homöopathie auf Rezept? Das sagen die Befürworter

  • 💶

    Die Krankenkassen sollen homöopathische Mittel und Behandlungen auf jeden Fall weiter bezahlen, weil die Versicherten die Möglichkeit der Wahl der Heilmethode haben sollten.

  • 👨‍⚕️

    Viele Ärzte und Patienten berichten von überzeugenden Heilungseffekten - auch wenn wissenschaftliche Nachweise dafür fehlen.

  • 😌

    Allein der Glaube an die Wirksamkeit von Homöopathie hilft vielen Menschen. Deshalb sollen Krankenkassen für Globuli und Co. zahlen.

  • 🤏

    Die Krankenkassen geben 0,05 Prozent von ihren Arzneimittelkosten für Homöopathie aus - das ist nicht relevant.

Wusstest du, wie Medikamente auf den Markt kommen?

Wie Medikamente auf den Markt kommen

Wusstest du, wie Medikamente auf den Markt kommen?

Wissenschaftler suchen nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus. Aber selbst, wenn dieser Stoff entwickelt ist, kann es bis zu einem Jahr dauern bis wir dadurch geschützt werden können. Warum dauert es so lange bis ein Medikament auf den Markt kommt?

Homöopathie auf Rezept? Das sagen die Gegner

  • 👨‍🏫

    Es gibt keine wissenschaftlichen Wirknachweise. Mögliche positive Effekte haben keinen Bestand, wenn man sie nach wissenschaftlichen Kriterien prüft.

  • Es ist unfair, in der Solidargemeinschaft Geld für Wirkungsloses auszugeben und andere Sachen nicht zu erstatten.

  • Als die Homöopathie vor rund 200 Jahren erfunden wurde, galt sie als "sanfte" Alternative zur damaligen schrecklichen Medizin - denn damals waren Eingriffe brutal und endeten wegen Infektionen oft tödlich. Heute hat sich die Medizin aber so verbessert, dass die Homöopathie die schlechtere Alternative ist.

  • 💉

    Es wäre besser, die Gemeinschaft würde ihr Geld nur für nachweisliche wirkende Medizin ausgeben.

Kleines Homöopathie-ABC

  • Globuli: Die kleinen weißen Kügelchen auf Milchzuckerbasis sollen eine Information des Wirkstoffes enthalten und übertragen. Einen Beweis gibt es dafür nicht.

  • Placebo: Dabei handelt es sich um ein Scheinmedikament, also ein Arzneimittel ohne Wirkstoff. Tritt nach Einnahme trotzdem ein positiver Effekt auf, sprechen Fachleute vom Placebo-Effekt. Dabei spielen psycho-soziale Mechanismen eine Rolle, etwa der Glaube und Wunsch an die Wirkung, aber auch die Überzeugungskraft des Behandlers und die Beziehung zum Patienten.

  • Potenz: Sie zeigt an, wie stark die Ausgangssubstanz verdünnt, also potenziert wurde. Dahinter steckt ein von Hahnemann entwickeltes Verfahren, indem Wirkstoffe verschüttelt oder verrieben werden, bis zum Teil keine Moleküle der Substanz mehr nachweisbar sind. Darauf fußt auch die Kritik der Gegner.

So entstehen Globuli & Co.

Globuli


Globuli: mehr als nur Zuckerkügelchen?
© picture alliance/chromorange

 

  1. Grundlage aller homöopathischen Arzneimittel ist die sogenannte Urtinktur. Sie kann aus Heilpflanzen, tierischen oder mineralischen Bestandteilen bestehen, die 10 bis 30 Tage in einem Wasser-Alkohol-Gemisch eingelegt, gelöst und dann abgepresst werden.
  2. Anschließend wird die Urtinktur mit einem Ethanol-Wasser-Mix potenziert, also verdünnt und von Hand auf eine elastische Unterlage geschlagen. Homöopathen sprechen von "Verschütteln".
  3. Je nach gewünschter Potenz wird das Verdünnen und Verschütteln wiederholt. Hahnemann ging davon aus, dass homöopathische Mittel umso stärker wirken, desto mehr sie potenziert werden.
  4. Zum Teil werden sie so stark verdünnt, dass am Ende keine Moleküle der Ausgangssubstanz mehr nachweisbar sind. Laut Homöopathen soll aber die Information des Wirkstoffs in der Urtinktur vorhanden sein.
  5. Im letzten Schritt werden die Globulis (Kügelchen auf Milch- oder Zuckerrohrbasis) mit den Potenzen imprägniert, also vermischt.
Veröffentlicht: 12.10.2020 / Autor: Stephanie Arndt