Themenseiten-Hintergrund

Corona, HIV und Ebola stammen von Tieren! Wie kann man Zoonosen verhindern?

Die meisten großen Seuchen sind von Wildtieren auf den Menschen übergesprungen. Man spricht von Zoonosen. Wie genau das passiert und wie neue Pandemien verhindert werden könnten.
Teaserbild: Corona, HIV und Ebola stammen von Tieren! Wie kann man Zoonosen verhindern?

Das Wichtigste zum Thema Zoonosen

  • Rund 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten sind Zoonosen. Corona zählt auch dazu.

  • Weitere Zoonosen sind Ebola, HIV, Malaria, MERS (Middle-East Respiratory Syndrome), das erste SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome), Influenza (als Vogel- und später Schweinegrippe) und BSE. "Alte" Zoonosen sind die Pest und Tollwut.

  • Zoonosen können von Viren, Bakterien, Parasiten oder exotischen Erregern verursacht werden. Viele Tiere können zum Wirt werden - wild lebende genauso wie Nutztiere.

Was sind zoonotische Infektionskrankheiten - und wie entstehen sie?

Das wollten wir von der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen an der Berliner Charité wissen.

Dr. Ilia Semmler ist Tierärztin, Virologin und Koordinatorin des Forschungsnetzes für zoonotische Infektionskrankheiten. Sie sagt: 

"Zoonosen begleiten den Menschen schon seit sehr langer Zeit. Es sind Infektionskrankheiten, die wechselseitig zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können. Sie können immer dann entstehen, wenn Menschen und Tiere eng zusammenleben."

Bei Zoonosen hilft laut Dr. Semmler oft der "Zufall" mit:

  • Zum Beispiel, wenn der Mensch in bisher unbesiedelte Bereiche vordringt - wie Urwaldregionen oder abgelegene Höhlen.
  • Dann entstehen neue "Tier-Mensch-Kontakte", und bisher unbekannte Erreger können "überspringen".
  • Das kann auch passieren, wenn Tierarten auf engem Raum zusammentreffen, die sich in der Natur nicht begegnen würden - wie auf Tiermärkten.

Ist sie der Auslöser der Corona-Krise? Fledermäuse sind aus mehreren Gründen eine "gute Quelle" für Zoonosen.

Was hat die Fledermaus mit Corona zu tun?

  • 🦇

    COVID-19 wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auf einem Wildtier-Markt in Wuhan (China) durch Fledermäuse übertragen.

  • 🦇

    "Fledermäuse tragen zahlreiche Viren in sich, darunter Corona-Viren. Mehrere Eigenschaften machen sie zu einer 'guten Quelle' für Zoonosen: Sie sind Säugetiere und somit näher am Menschen als Vögel oder Reptilien. Deshalb können sich ihre Viren besser an den Menschen anpassen", so die Virologin.

  • 🦇

    "Fledermäuse leben in sehr großen Gruppen zusammen - dadurch können viele Tiere infiziert werden, ohne dass die "Infektionskette" abreißt. Außerdem können sie fliegen - und die Erreger so über große Distanzen verbreiten."

Wie können wir uns gegen Zoonosen schützen? Die Virologin rät:

  • 💡

    Wissen hilft: Ein wichtiges Werkzeug ist gute Forschung. Die kann neue Risiken frühzeitig erkennen, Erreger diagnostizieren, Impfstoffe und Therapien entwickeln.

  • 🛁

    Auch wichtig: Hygiene. Wer weiß, wo Übertragungsrisiken entstehen, kann sie vermeiden.

  • 😷

    Springt eine Zoonose auf den Menschen über, helfen frühzeitige Eindämmungs-Maßnahmen, um die Verbreitung zu reduzieren - oder im besten Fall zu stoppen.

  • 🌴

    Das Risiko würde sinken, wenn Menschen nicht in Urwälder vordringen und verschiedene Tier-Arten auf enger Fläche halten, verkaufen und schlachten würden.

Tier-Impfungen könnten neue Seuchen verhindern

Corona wird nicht die letzte Seuche sein, die von Wildtieren stammt. Allein in den letzten 10 Jahren fanden Forscher über 1.000 neue Viren in Wildtieren, die auch Menschen schaden können.

Impft man Wildtiere gegen gefährliche Erreger, könnte man große Seuchen im Vorfeld verhindern. Die Ausbreitung der Krankheitserreger würde dann schon bei den Tieren verhindert werden.

Doch es ist gar nicht so leicht, Tiere in freier Wildbahn in großem Maßstab zu impfen und so eine Herdenimmunität zu erlangen. Egal ob Fledermäuse, Schuppentiere, Füchse, Schleichkatzen, Wasservögel oder Wildschweine: Die Tiere leben oft abgeschieden, sind scheu, und es gibt sehr viele von ihnen.

Ein möglicher Ansatz: Impfstoffe, die von allein von Tier zu Tier weitergegeben werden. 2 Wege halten die Biologen Scott Nuismer und James Bull für denkbar:

1) Übertragbare Impfstoffe

Dies könnte zum Beispiel eine Impf-Paste sein, die man Fledermäusen aufs Fell streicht. Wenn die Tiere in ihre Kolonie zurückkehren, würde die Paste bei der Fellpflege von den anderen Tieren aufgenommen werden.

2) Ansteckende Impfstoffe

Dies könnten Impfstoffe aus abgeschwächten Viren sein, die die Tiere nur leicht krank machen. Nach und nach würden sie sich gegenseitig anstecken und eine Herdenimmunität entstehen. Die Gefahr: Der abgeschwächte Erreger könnte sich weiterentwickeln und selbst eine Seuche auslösen.

Sicherer wären sogenannte rekombinante Impfstoffe aus harmlosen Viren, in die ein Gen des Erregers eingebaut ist. Aktuell arbeiten Wissenschaftler an solch einem Impfstoff gegen die afrikanische Schweinepest.

Erfolgreiche Wildtierimpfung

  • 🦊

    Das Beispiel Tollwut zeigt, dass Wildtierimpfungen erfolgreich sein können. Hier wurden über Jahre Fress-Impfköder für Füchse ausgelegt. Heute gelten Deutschland und weite Teile Westeuropas als tollwutfrei.

Veröffentlicht: 30.09.2020 / Autor: Carina Neumann-Mahlkau