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Zoonosen: Auf der Suche nach dem Ursprung von Corona

Ein Experten-Team der WHO sucht in China nach dem Ursprung von Corona. Vermutet wird, dass das Virus wie die meisten großen Seuchen eine Zoonose ist - also eine Krankheit, die von Tieren auf den Menschen überspringt. Was dabei genau passiert und wie neue Pandemien verhindert werden könnten.
Teaserbild: Zoonosen: Auf der Suche nach dem Ursprung von Corona

Die Suche nach dem Ursprung - heikel, aber wichtig

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    China erteilte dem 10-köpfigen Forscher-Team der WHO (darunter auch Fabian Leendertz, Epidemiologe vom RKI) die Einreise-Erlaubnis für ihre Tests.

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    Die Forscher suchen gemeinsam mit chinesischen Kollegen nach dem Ursprung des Virus-Ausbruchs. Die Expedition war lange umstritten.

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    Denn für China ist diese Mission politisch heikel. Hochrangige chinesische Politiker behaupten denn auch, der Corona-Ursprung läge in anderen Ländern.

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    China befürchtet internationale Schuldzuweisungen. RKI-Epidemiologe Leendertz stellte jedoch klar: Ziel der Mission sei es nicht, einen Schuldigen zu finden - sondern zukünftige Pandemien besser zu verhindern.

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    Noch ist allerdings unklar, ob das WHO-Team auch in Wuhan forschen darf - obwohl dort die ersten Fälle auftraten und der Wildtier-Markt eine Rolle bei der Übertragung spielen könnte.

Das Wichtigste zum Thema Zoonosen

  • Corona ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Zoonose - so wie rund 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten.

  • Weitere Zoonosen sind Ebola, HIV, Malaria, MERS (Middle-East Respiratory Syndrome), das erste SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome), Influenza (als Vogel- und später Schweinegrippe) und BSE. "Alte" Zoonosen sind die Pest und Tollwut.

  • Zoonosen können von Viren, Bakterien, Parasiten oder exotischen Erregern verursacht werden. Viele Tiere können zum Wirt werden - wild lebende genauso wie Nutztiere.

Was sind zoonotische Infektionskrankheiten - und wie entstehen sie?

Das wollten wir von der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen an der Berliner Charité wissen.

Dr. Ilia Semmler ist Tierärztin, Virologin und Koordinatorin des Forschungsnetzes für zoonotische Infektionskrankheiten. Sie sagt: 

"Zoonosen begleiten den Menschen schon seit sehr langer Zeit. Es sind Infektionskrankheiten, die wechselseitig zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können. Sie können immer dann entstehen, wenn Menschen und Tiere eng zusammenleben."

Bei Zoonosen hilft laut Dr. Semmler oft der "Zufall" mit:

  • Zum Beispiel, wenn der Mensch in bisher unbesiedelte Bereiche vordringt - wie Urwaldregionen oder abgelegene Höhlen.
  • Dann entstehen neue "Tier-Mensch-Kontakte", und bisher unbekannte Erreger können "überspringen".
  • Das kann auch passieren, wenn Tierarten auf engem Raum zusammentreffen, die sich in der Natur nicht begegnen würden - wie auf Tiermärkten.

Was hat die Fledermaus mit Corona zu tun?

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    Wissenschaftliche Hinweise deuten darauf hin, dass COVID-19 auf durch Fledermäuse auf den Menschen übertragen wurde.

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    "Fledermäuse tragen zahlreiche Viren in sich, darunter Corona-Viren. Mehrere Eigenschaften machen sie zu einer 'guten Quelle' für Zoonosen: Sie sind Säugetiere und somit näher am Menschen als Vögel oder Reptilien. Deshalb können sich ihre Viren besser an den Menschen anpassen", so die Virologin.

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    "Fledermäuse leben in sehr großen Gruppen zusammen - dadurch können viele Tiere infiziert werden, ohne dass die "Infektionskette" abreißt. Außerdem können sie fliegen - und die Erreger so über große Distanzen verbreiten."

Wie können wir uns gegen Zoonosen schützen? Die Virologin rät:

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    Wissen hilft: Ein wichtiges Werkzeug ist gute Forschung. Die kann neue Risiken frühzeitig erkennen, Erreger diagnostizieren, Impfstoffe und Therapien entwickeln.

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    Auch wichtig: Hygiene. Wer weiß, wo Übertragungs-Risiken entstehen, kann sie vermeiden.

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    Springt eine Zoonose auf den Menschen über, helfen frühzeitige Eindämmungs-Maßnahmen, um die Verbreitung zu reduzieren - oder im besten Fall zu stoppen.

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    Das Risiko würde sinken, wenn Menschen nicht in Urwälder vordringen und verschiedene Tier-Arten auf enger Fläche halten, verkaufen und schlachten würden.

Tier-Impfungen könnten neue Seuchen verhindern

Corona wird nicht die letzte Seuche sein, die von Wildtieren stammt. Allein in den letzten 10 Jahren fanden Forscher über 1.000 neue Viren in Wildtieren, die auch Menschen schaden können.

Impft man Wildtiere gegen gefährliche Erreger, könnte man große Seuchen im Vorfeld verhindern. Die Ausbreitung der Krankheitserreger würde dann schon bei den Tieren verhindert werden.

Doch es ist gar nicht so leicht, Tiere in freier Wildbahn in großem Maßstab zu impfen und so eine Herdenimmunität zu erlangen. Egal ob Fledermäuse, Schuppentiere, Füchse, Schleichkatzen, Wasservögel oder Wildschweine: Die Tiere leben oft abgeschieden, sind scheu, und es gibt sehr viele von ihnen.

Ein möglicher Ansatz: Impfstoffe, die von allein von Tier zu Tier weitergegeben werden. 2 Wege halten die Biologen Scott Nuismer und James Bull für denkbar:

1) Übertragbare Impfstoffe

Dies könnte zum Beispiel eine Impf-Paste sein, die man Fledermäusen aufs Fell streicht. Wenn die Tiere in ihre Kolonie zurückkehren, würde die Paste bei der Fellpflege von den anderen Tieren aufgenommen werden.

2) Ansteckende Impfstoffe

Dies könnten Impfstoffe aus abgeschwächten Viren sein, die die Tiere nur leicht krank machen. Nach und nach würden sie sich gegenseitig anstecken und eine Herdenimmunität entstehen. Die Gefahr: Der abgeschwächte Erreger könnte sich weiterentwickeln und selbst eine Seuche auslösen.

Sicherer wären sogenannte rekombinante Impfstoffe aus harmlosen Viren, in die ein Gen des Erregers eingebaut ist. Aktuell arbeiten Wissenschaftler an solch einem Impfstoff gegen die afrikanische Schweinepest.

Erfolgreiche Wildtier-Impfung

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    Das Beispiel Tollwut zeigt, dass Wild-Tierimpfungen erfolgreich sein können. Hier wurden über Jahre Fress-Impfköder für Füchse ausgelegt. Heute gelten Deutschland und weite Teile Westeuropas als tollwutfrei.

Veröffentlicht: 23.01.2021 / Autor: Carina Neumann-Mahlkau