Übersetzungsfehler: Unsere Zunge hat gar keine Geschmackszonen
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Übersetzungsfehler: Unsere Zunge hat gar keine Geschmackszonen

vor 3 Wochen

Jeder hat irgendwann mal in der Schule die Grafik gezeigt bekommen, auf der die verschiedenen Geschmackszonen der Zunge eingezeichnet sind. Und jeder hat daraufhin versucht, bestimmte Nahrungsmittel auf den einzelnen Zonen der Zunge zu verteilen, um die Theorie zu überprüfen. Nur war das Ergebnis irgendwie immer: Hä? So richtig hat es nie mit der Grafik zusammengepasst. Aber der Lehrer wird schon Recht haben. Ist ja immer so. Oder eben auch nicht:

Wir haben damals gelernt, dass wir ganz vorne süß schmecken, vorne an den Seiten salzig, hinten an den Seiten sauer und ganz hinten bitter. Aber so ganz stimmt das nicht. Denn Rezeptoren sind überall auf unserer Zunge verteilt. Diese „Karte“ mit den unterschiedlichen Zonen ist nur ein Mythos. Zwar befinden sich in der Mitte der Zunge weniger Geschmacksrezeptoren als am Rand, aber sie sind nicht nach süß, salzig oder bitter anders verteilt – sondern überall etwa gleich.

Und damals gab es auch nur vier Geschmäcker – Umami (der fünfte) war noch gar nicht bekannt. Damit schmecken wir Glutamat oder die Würze von Fleisch.

Der Übersetzungsfehler

Aber wie konnte es zu der falschen Annahme kommen? Eigentlich ist die Geschichte schon ein bisschen lustig. Sie reicht zurück bis ins Jahr 1901, als der deutsche Wissenschaftler David P. Hänig in seiner Arbeit „Zur Psychophysik des Geschmackssinnes“ zum ersten Mal die Rezeptoren auf der Zunge beschrieb. Seine Informationen verpackte er damals nicht in eine Art Karte, sondern in einen Graphen – den kein Mensch verstand. Er wollte damit aufzeigen, dass bestimmte Abschnitte der Zunge nur etwas sensibler auf einen Geschmack reagieren als andere. Nicht, dass beispielsweise die Rezeptoren für Süßes nur ganz vorne sind.

Andere Forscher verstanden das nicht. Für sie sah das dann so aus, als würden bestimmte Rezeptoren nur an bestimmten Stellen sitzen. Das wiederum führte 40 Jahre später zu einem Übersetzungsfehler des Psychologen Edwin G. Boring, der an den Universitäten Harvard und Clark arbeitete. Er übersetzte 1942 den Graphen in die typische Karte mit den Geschmackszonen – und verstand es so, wie wir es alle gelernt haben:

Zunge

Geschmackszonen der Zunge
1. Bitter 2. Sauer 3. Salzig 4. Süß
© MesserWoland via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Vorne süß, an den Seiten salzig, ganz hinten bitter, dazwischen sauer. Es klingt total logisch, die Karte sieht gut aus, man kann sie Kindern exzellent erklären. Aber: Was gut gemeint war, ist leider komplett falsch. Aber wenigstens sind wir jetzt ein bisschen schlauer.

Unsere Zunge ist schon ganz schön faszinierend. Dieser Künstler schafft seine Werke ausschließlich damit. Wie das dann aussieht, zeigen wir euch hier:

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