Benjamin Melzer ist Deutschlands erstes Transgender-Covermodel
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Benjamin Melzer ist Deutschlands erstes Transgender-Covermodel

vor 3 Jahren

Vor fünf Jahren war er biologisch noch eine Frau. Heute ist Benjamin Model, Instagram-Star und ein Transmann. Galileo begleitet den ganz besonderen 29-Jährigen auf dem Weg zu seinem größten Erfolg.

„Das ist meine tote Schwester.“ Der 29-Jährige spricht mit fester Stimme. Er schaut auf das Foto, fast unmerklich zieht er die Augenlider zueinander. Vor über zwanzig Jahren hat sein Vater diesen Moment für immer festgehalten: Ein Mädchen klettert aus der Kajüte eines Segelboots, ihre strohblonden Haare wehen über ihr die Wangen. Sie sieht zufrieden aus, als sie die zierliche Nase in den Wind hält. Die Kleine auf dem Bild heißt Ivonne. Sie lacht – ihre Augen strahlen. Es sind dieselben Augen, mit denen Benjamin das Mädchen ansieht. Er selbst war dieses Mädchen. Benjamin war früher Ivonne.

Im April wird er auf dem Cover eines Lifestyle-Magazins sein. Einer knallharten Männer-Zeitschrift! Damit ist er in Deutschland der erste bekennende Transmann, der es auf eine Titelseite schafft. „In Amerika gibt es Trans-Männer und -Frauen, die als Stars bei Fashion-Shows laufen oder sogar bei Hollywood-Produktionen mitwirken. Alles ist möglich. Das habe ich mir immer und immer wieder gesagt “, erinnert Benjamin sich. Inzwischen ist er selbst Vorbild, sein Weg Motivation. Unter den Pics seines Instagram-Accounts bekommt er tausendfache Likes und anerkennende Kommentare aus der ganzen Welt. Der positive Rummel tut ihm gut. „Es ist ein bisschen wie eine Wiedergutmachung.“ Eine Art Entschädigung für die Narben, die Monate im Krankenhaus, die Jahre voller Verunsicherung und stillem Leiden.

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Transgender bedeutet, dass sich Betroffene mit dem angeborenen Geschlecht nicht identifizieren können. Ein Transman wie Ben ist also jemand, der sich selbst als Mann sieht und fühlt, obwohl er als Mädchen geboren wurde. Puhhh – aber für wen jetzt diese Erklärung schon verwirrend ist, kann vielleicht erahnen, wie kompliziert die tatsächliche Situation sein kann. „Transgender ist ein furchtbares Wort. Ich erkläre meist einfach was Sache ist. Ich finde trans* hört sich ganz okay an. Trans* steht irgendwie für Mut!“ Verständlich. Denn die Betroffenen müssen wirklich mehr als mutig sein. Um sich selbst und ihrem Umfeld die Situation zu offenbaren.

Der eigene Körper als Fremdkörper. Statt einem Bart wachsen zwei Brüste. Statt einer tiefen Stimme überschlägt sich jeder Ton beim Lachen. Benjamin hat schon im Sandkasten diesen einen großen Wunsch: Ein Junge sein. Neuen Spielkameraden stellt er sich mit Jungennamen vor. Nie trägt er Kleider. Die Farbe Pink – ein rotes Tuch. Weite Kapuzen-Pullover kaschieren die Rundungen, die mit der Pubertät immer weiblicher hervorkommen. Damals entdeckt Ben, der noch Ivonne hieß, seine große Leidenschaft für Sport. Die Leichtathletik-Trainings lassen ihn alles andere vergessen. Mit 18 sieht er im Fernsehen eine Reportage. Es geht um Transgender. Ben ist schockiert. Der Moment öffnet ihm die Augen. Doch er ist noch nicht soweit. Erst fünf Jahre später findet er genug Kraft, sich der Situation mit all seinen Konsequenzen zu stellen. „Ich konnte aber auch einfach nicht mehr weitermachen. Ich habe meine Mutter angerufen. Mich ihr offenbart. Und natürlich total geheult. Weibliche Hormone eben…!“ Bens Familie geht mit ihm den harten Weg. Über Jahre heißt das: Behördengänge, Psychologische Gutachten, elf komplizierte Operationen und schließlich das Zurückkämpfen in den Alltag. Ben gibt alles. Er will es schaffen. Jeden Tag trainiert er für seine Vorstellung des perfekten Körpers. Nebenbei macht er sich auch noch selbständig. „Für mich war klar: entweder ganz oder gar nicht. Es hat sich gelohnt. Ich kann jetzt meinen großen Traum leben. Ich werde jeden Tag weiterkämpfen, um wirklich alles zu erreichen!“

Transgender Model

Mit dem Galileo-Kamerateam habe ich Benjamin in seinem täglichen Leben begleitet. Der ganz normale Alltag. Beim Chillen nach der Arbeit. Beim Sport. Beim Spazierengehen mit seiner französischen Bulldogge Paco. Er hat mich mitgenommen zu seinen Eltern. Wir durften uns das Familienalbum schauen. Seine – wie er sagt – „tote Schwester“ kennenlernen. Er hat noch einmal seine Ängste heraufbeschworen. Uns in die Zeit mitgenommen mit der er abgeschlossen hat. Und Ben hat uns seine beeindruckende Freundin und inzwischen Verlobte vorgestellt. Sie war von Anfang an seiner Seite. Zara hat Ben schon als Ivonne geliebt. Sie hat seine Seele gesehen. Das hat uns sehr imponiert. Wie durften sehen wie das Paar lebt. Und was Benjamin durchlebt hat. Es war nur eine knappe Woche. Doch die Tage mit einem beeindruckenden Menschen haben uns ganz klar etwas mitgegeben: Gewinne, wenn du kannst. Verliere, wenn du musst. Aber gib niemals auf!

› Die ganze Geschichte – heute 19.05 bei Galileo

Woran denkt ihr, wenn ihr das Wort Model hört? An Maße wie 90-60-90? An Heidi Klums Topmodels? Makellose Körper? Aber es geht auch anders. Wir zeigen Euch, dass es möglich ist, auch mit einem „speziellen“ Aussehen auf Werbeplakate zu kommen und vielleicht sogar richtig Geld zu verdienen.

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