Junger Mann liegt mit Handy im Bett und macht sich Sorgen.

Doomscrolling: Was steckt hinter der Lust auf Bad News?

Die neuesten Corona-Zahlen, Impfpannen, Kriege und Konflikte - wer sich durch seine Social Media-Accounts scrollt, dem scheint der Weltuntergang nahe. Warum uns schlechte Nachrichten so beschäftigen - und wie du dem entkommst.
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Das Wichtigste zum Thema Doomscrolling

  • Der Begriff Doomscrolling wurde zum ersten Mal in einem Post auf Twitter im Oktober 2018 verwendet. Vielleicht ist er auch noch älter.

  • Das englische Wort „doom“ bedeutet Verderben, Verhängnis, Untergang.

  • Populär wurde der Begriff Doomscrolling mit Covid-19. Auf einmal sind die schlechten Nachrichten überall - und manche können nicht aufhören, durch die Meldungen zu scrollen.

  • Ein Grund dafür ist das Social-Media-Prinzip. Klickst du auf die schlechten Nachrichten, sorgen Algorithmen dafür, dass du noch mehr davon zu sehen bekommst.

  • So hast du schließlich das Gefühl, dass nur noch Schlechtes passiert und du nichts dagegen tun kannst. Und dieses Gefühl macht dich handlungsunfähig.

Warum die schlechten Nachrichten überall sind

Unser Gehirn reagiert auf schlechte Nachrichten stärker als auf gute, weil das in der Steinzeit überlebensnotwendig war.

Eine verpasste schlechte Nachricht konnte den Menschen das Leben kosten, eine verpasste gute Nachricht war zwar ärgerlich, aber nicht lebensbedrohlich. So schildert es die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Prof. Dr. Maren Urner in ihrem Buch "Schluss mit dem täglichen Weltuntergang".

Journalisten wählen Nachrichten nach bestimmten Kriterien aus. Es gibt viele Studien darüber, dass es vor allem negative Ereignisse wie Kriege, Hungersnöte, Mord und Totschlag in die Medien schaffen.

Nur was nicht funktioniert, habe einen Nachrichtenwert, schreibt Professorin Urner. Und nennt als Beispiel den Flugzeugabsturz, der in der Zeitung steht. Keine Schlagzeile hingegen ist, dass 99,9 Prozent der Flugzeuge sicher landen.

Menschen schenken schlechten Nachrichten mehr Aufmerksamkeit als guten. Und Medien wollen, dass die Leser so lange wie möglich auf ihrer Homepage bleiben - auch, weil sie dann mehr Geld mit Werbung verdienen.

Warum sind wir anfällig für Doomscrolling? Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Prof. Dr. Maren Urner sagt:

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    Dass wir so anfällig für Doomscrolling sind, liegt an unserem Steinzeit-Hirn. In Zeiten von Säbelzahntigern war es überlebenswichtig, Negatives schneller und besser zu verarbeiten als positive oder neutrale Nachrichten.

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    Unser Gehirn hat sich seit der Steinzeit evolutionsbiologisch nicht stark verändert, wir verarbeiten Neues noch genauso wie damals. Das können wir nicht ändern - wir können aber lernen, besser damit umzugehen.

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    Hinzu kommt: Das fast suchthafte Scrollen triggert das Belohnungssystem in unserem Gehirn. Wir hören nicht auf zu scrollen, weil wir bei jeder neuen Nachricht einen kleinen Kick bekommen.

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    Wir werden beim Doomscrolling zwar kurzfristig belohnt, aber langfristig tut uns das nicht gut. Doomscrolling führt häufig dazu, dass wir uns machtlos fühlen. Wir haben das Gefühl, dass die Welt schlechter ist, als sie tatsächlich ist, und wir nichts dagegen tun können.

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    Wir kommen aus diesem Gefühl der Machtlosigkeit raus, wenn wir überlegen, was wir tun können. Anderen zu helfen - zum Beispiel jetzt während Corona -, tut nicht nur den Empfängern gut, sondern vor allem auch uns selbst. Wir sind nun mal soziale Wesen.

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    Wir können uns dem Doomscrolling entziehen, indem wir uns bewusst werden, was da mit uns passiert. Es hilft, wenn wir zum Beispiel nur solche Informationskanäle und -formate auswählen, die uns langfristig gut tun und zu uns passen. Für manche sind das Podcasts, für andere vielleicht ein Buch, ein Magazin, ein Fernsehbeitrag oder eine Dokumentation.

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So entkommst du den endlosen schlechten Nachrichten

  • 📰

    Suche dir gezielt seriöse Quellen für deine Nachrichten, so bist du nicht den Algorithmen von Social Media ausgeliefert.

  • 📵

    Lege fest, wann und wie lange du Nachrichten lesen willst. Und höre danach wirklich auf!

  • ⛔️

    Schalte auf dem Smartphone die Benachrichtigungen der Social Media Accounts ab. Die geben dir ständig das Gefühl, etwas zu verpassen.

  • 🧘‍♀️

    Yoga, ein Spaziergang oder ein gutes Gespräch mit einem Freund: Such dir einen Ausgleich zur Bildschirmzeit.

  • ☀️

    Es gibt auch viel Schönes auf der Welt. Lenke deine Aufmerksamkeit ab und zu darauf. Und ja, manchmal helfen dabei Katzen-Videos.

Veröffentlicht: 16.02.2021 / Autor: Kathrin Aldenhoff