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Eine Welt nur für Männer: Das steckt hinter der Gender-Data-Gap

Schon mal einen weiblichen Crashtest-Dummy gesehen? Autos, Smartphones, Stühle UND Medikamente werden für Männer konzipiert - zum Nachteil der Frauen. Warum das so ist und wie gefährlich das sein kann.

Das Wichtigste zum Thema Gender-Data-Gap

  • Daten spielen heute bei der Produktentwicklung eine große Rolle. Das Problem: Sie werden meist von Männern für Männer erhoben.

  • Auto-Crashtests, Smartphones, Navis, Bürostühle, Supermarkt-Regale und medizinische Studien sind für den westlichen Durchschnitts-Mann konzipiert.

  • Frauen werden oft nicht gesondert betrachtet. Wissenschaftler sprechen von der sogenannten "Gender-Data-Gap". Heißt: Es besteht eine Datenlücke in Bezug auf Frauen.

  • Oft sind die Folgen für Frauen einfach nur "unbequem", wie beispielsweise ein zu großes Handy. Teils können sie aber auch gesundheitsschädlich oder lebensgefährlich sein - wie bei Autounfällen und der Einnahme von Medikamenten.

Auto-Design und Crashtests

Der Sitz, das Lenkrad, die Entfernung zu den Pedalen - alles ist für Männer gemacht. Das kann ungemütlich sein.

Frau sitzt im Auto und stellt Spiegel ein.


Die Abstände im Auto sind oft für lange Männer-Arme gemacht.
© Getty Images

 

Nicht bloß unbequem, sondern auch riskanter: Das Auto ist ein Beispiel dafür, dass die Gender-Data-Gap tatsächlich gefährlich werden kann:

  • Frauen können aufgrund ihrer Größe teils schlecht durch die Windschutzscheibe blicken.
  • Der Airbag ist für Frauen oft nicht optimal eingestellt: Je kleiner eine Person ist, desto tiefer sitzt sie und desto näher befindet sie sich am Lenkrad. Ein Aufprall ist für sie gefährlicher als für einen großen Mann.
  • Die Kopfstütze ist zu hoch, der Gurt sitzt nicht perfekt.

Die Folge: Frauen haben im Vergleich zu Männern im Schnitt ein um 47 Prozent höheres Risiko, sich bei einem Unfall zu verletzten. Aufgrund ihrer Anatomie erleiden Frauen beispielsweise öfter Schleudertrauma.

Aber die Sicherheitsvorkehrungen in Autos werden doch getestet? Richtig, allerdings meist mit Crashtest-Dummies, deren Gewicht und Größe dem männlichen Körperbau nachempfunden ist (und die keine Brüste haben). Ein Mann wiegt im Durchschnitt rund 78 Kilogramm und misst 1,75 Meter. In der EU muss ein Auto 5 Tests bestehen, ehe es zugelassen wird. Aber: In keinem Test wird ein weiblicher Dummy verlangt.

Die gute Nachricht für Frauen

Aktuell wird an smarten Crashtests geforscht. Ziel ist es, auch die unterschiedlichen Körperformen in die Tests einzubauen.

Volvo macht es vor

Der schwedische Auto-Hersteller konzipiert jetzt schon seine Autos auch für Frauen. Die Fahrzeuge haben unter anderem eine robuste Kopfstütze zum Schutz vor Schleudertrauma, einen frauengerechten Airbag und Sitze, die passender sind für die weibliche Wirbelsäule.

Das Unternehmen erfasst seit den 70ern Daten aus echten Unfällen, um zu verstehen, was bei einer Kollision passiert. Das Besondere: In diesen Daten sind Männer und Frauen gleichermaßen vertreten.

Aber warum gibt es nicht mehr Daten über Frauen?

  • 🧔

    Früher waren es die Männer, die im Büro saßen, sich neue Dinge ausdachten und dafür eben auch Daten erhoben - und zwar von Männern.

  • 👨‍⚕️

    Tatsache ist, dass dies in Bereichen wie Technik, IT und Medizin heute oft noch der Fall ist.

  • 👨‍💼

    In der Wirtschaft und Regierung werden Entscheidungen in der Regel auf Daten-Basis getroffen - und das für alle (Männer und Frauen). Zudem sitzen in den Führungs-Etagen überwiegend Männer.

  • 👨

    Der Mann war schon vor Jahrtausenden der Prototyp - und die Frau galt als Abweichung von der Norm.

Bis heute eine beliebte Skizze

Proportionsschema der menschlichen/männlichen Gestalt nach Vitruv. Die Skizze stammt von Leonardo da Vinci.

Männer-Medikamente

  • 🧔

    Medikamente sind für Männer gemacht, denn medizinische Studien werden in erster Linie an männlichen Mäusen und später männlichen Probanden getestet.

  • 👱‍♀️

    Der Grund: Der weibliche Körper ist durch die hormonellen Schwankungen "zu kompliziert". Jeden Monat verändert sich der Körper der Frau während des Zyklus ebenso wie in der Menopause sowie während/nach der Schwangerschaft. Bei Tieren ist es ähnlich.

  • 🤦‍♀️

    Die Schwankungen zu berücksichtigen und herauszurechnen ist einfach zu kompliziert und teuer. Sie könnten auch Testergebnisse verfälschen.

  • Die Folge: Oft sind die in der Packungsbeilage angegebenen Dosierungen für Frauen zu hoch und damit teils gefährlich oder zumindest eine unnötige Belastung für die Leber.

Beispiel Herzinfarkt

Der Herzinfarkt wird meist mit Männern in Verbindung gebracht. Dabei kann es auch Frauen treffen - und sie sterben öfter daran. Die Symptome sind nämlich teils andere als bei Männern und ein Infarkt wird selbst von Ärzten oder Rettungsassistenten häufig nicht erkannt.

Die Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose ist bei Frauen um 50 Prozent höher. Das zeigen Studien aus Großbritannien.

Würdest du einen Herzinfarkt erkennen?

Klassische Erkennungszeichen für einen Herzinfarkt: drückende, stechende oder brennende Schmerzen im Brustraum, die in verschiedene Körperregionen ausstrahlen können. Es gibt auch andere Symptome, die besonders oft bei Frauen auftreten, wie beispielsweise Druck- oder Engegefühl in der Brust, starke Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen oder Beschwerden im Oberbauch.

Beispiel Depression

Frauen erkranken 2- bis 3-mal so oft an Depressionen wie Männer. Forschungen, was dabei im Gehirn schief läuft, werden aber überwiegend an männlichen Tieren durchgeführt und bilden die Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten.

Was meinst du?

Smartphones und Sprachsteuerung

  • 🔊

    Auch Siri, Alexa, Google, Navis und andere Sprach-Assistenten sind Männersache: Laut einer Studie erkennt eine Spracherkennungs-Software männliche Stimmen mit 70 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit als weibliche Stimmen.

  • 👩

    Die Gesichtserkennung von Smartphones versagt bei Frauen öfters.

  • Smartphones passen gut in die Männerhand. Frauen müssen es beim Tippen mit beiden Händen halten.

  • 💻

    Auch künstliche Intelligenz ist männlich. Sowohl in den Daten, mit denen sie gefüttert wird, als auch bei den Entwicklern sind Frauen unterrepräsentiert.

Für Frauen-Hände sind die heutigen Smartphones oft zu groß.

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15 Mythen in 15 Minuten - Mann & Frau

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Was nervt Männer an Frauen und umgekehrt? Sie hängt permanent am Telefon und er pinkelt nur im Stehen. Was ist dran an den Vorurteilen? Galileo hat die Antworten.

Veröffentlicht: 18.06.2020 / Autor: Larissa Melville