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Frage des Tages: Warum schmecken wir im Stehen schlechter?

Das Kantinenessen war schon mal besser? Dann iss deine Portion doch einfach im Stehen. Dabei ist nämlich die Geschmackswahrnehmung weniger ausgeprägt, haben Forscher entdeckt.
Darum schmecken wir im Stehen schlechter.

Darum geht's genau

  • Im Restaurant schmeckt die Pizza fantastisch. Doch im Karton mitgenommen, ist sie nur halb so gut. Das Phänomen, dass die gleichen Dinge unterschiedlich schmecken können, hat jeder schon erlebt.

  • Ein Wissenschaftlerteam der University of South Florida hat nun herausgefunden, dass unsere Körperhaltung die Geschmackswahrnehmung beeinflusst. Im Sitzen ist sie intensiver als im Stehen.

  • Der Grund dafür: Durch die Schwerkraft sinkt das Blut in die Beine, und das Herz muss stärker pumpen. Das verursacht Stress im Körper, der die Geschmackswahrnehmung beeinträchtigt.

  • Laut Professor Dipayan Biswas, dem Hauptautor der Studie, passiert das bereits nach wenigen Minuten. Es kann sich also lohnen, beim nächsten Grillabend rasch einen Sitzplatz zu suchen.

  • Der Trick könnte zum Beispiel Eltern helfen, deren Kinder ungern Gemüse essen - indem sie die Karotten-Sticks im Stehen zuschieben. Auch bittere Medizin könnte damit leichter rutschen.

Opfer der Umstände: Was den Geschmack noch beeinflusst

  • 🌈

    Warum schmecken manche Weine nur im Urlaub? Weil die Farben der Umgebung anders sind, sagt Professor Charles Spence von der Universität Oxford. In rötlichem Licht finden wir das Aroma angenehmer. Er nennt das "Provence-Rosé-Paradox".

  • 🎵

    Laute Musik reduziert unser Geschmacksempfinden um 15 Prozent. Zudem verstärken Songs mit hohen Tönen einen süßen Geschmack, Songs mit tiefen Tönen einen bitteren.

  • 🍽

    Spence fand bei einem Experiment in einem Hotel auch heraus, dass Gästen ein Gericht besser schmeckt, wenn sie schweres Besteck benutzen.

  • 🌡

    Wärme und Kälte beeinträchtigen unsere Sinneseindrücke. Bei Temperaturen zwischen 22 und 32 Grad nehmen wir Geschmacksvarianten am besten wahr.

  • 🙁

    Auch Erinnerungen und Gefühle haben einen Einfluss. Süßigkeiten sind oft mit positiven Erinnerungen an die Kindheit verknüpft. Depressive Menschen hingegen haben oft Geschmacksstörungen.

  • 🧓

    Mit zunehmendem Alter stumpft der Geschmackssinn ab. Auch Alkohol, Rauchen, Krankheiten, Hormone und Medikamente können die Wahrnehmung herabsetzen.

Welchen Sinn hat eigentlich der Geschmackssinn?

👅 5 Geschmacksrichtungen kann unsere Zunge wahrnehmen: süß, sauer, bitter, salzig und umami, also fleischig oder herzhaft. Aber warum genau diese?

Zum einen als Warnung: Ein bitterer Geschmack rät uns von giftigen und ungenießbaren Lebensmitteln ab. Ein saurer Geschmack zeigt an, dass zum Beispiel Früchte noch unreif oder bereits verdorben sind. Aber auch Wasser schmeckt sauer.

Zum anderen als Empfehlung: Hinter Süßem vermutet unser Körper wichtige Kohlenhydratquellen, hinter Salzigem Mineralstoffe. Umami deutet auf einen Proteinspender wie etwa Fleisch hin. Derzeit diskutieren Forschende, ob es nicht auch einen Fett-Rezeptor geben müsste.

Wer sich die Nase zuhält, schmeckt übrigens genau diese 5 Richtungen. Die ganze Bandbreite der Aromen nehmen wir erst mithilfe unseres Geruchssinns wahr.

Die "Zungenlandkarte": Ein verbreiteter Mythos

Süßes schmecken wir an der Zungenspitze, Saures und Salziges an den Seiten: So haben es die meisten in der Schule gelernt. Ein Irrtum! Zwar ist die Zungenmitte weniger geschmacksempfindlich als die Ränder. Doch die Geschmacksrezeptoren für süß, salzig und Co. sind gleichmäßig verteilt.

Geschmacksrezeptoren auf der Zunge

© Getty Images

 

Wie die falsche Darstellung in Umlauf kam? Am Anfang stand wahrscheinlich ein missverständliches Diagramm des deutschen Wissenschaftlers David P. Hänig aus dem Jahr 1901. Dieses wurde 40 Jahre später von dem US-Psychologen Edwin G. Boring falsch übersetzt - und hielt sich dann hartnäckig.

Wie lässt sich der Geschmacksinn trainieren?

  • 👃

    Den Geschmackssinn zu trainieren bedeutet eigentlich, den Geruchssinn zu trainieren. Sommeliers machen das mit Duftflakons. Du kannst aber auch mit Kaffee, Zwiebeln, Holzspänen oder Kräutern in Einmachgläsern üben.

  • Beschreib das Aroma mit 3 Worten, ohne das Produkt zu nennen. Also nicht "wie Kaffee", sondern "erdig, herb, voll". Eine Banane ist vielleicht "samtig, wässrig, süß".

  • 😋

    Nimm dir für jedes Essen Zeit. Setz dich entspannt hin, schließ die Augen und konzentrier dich auf die einzelnen Geschmackskomponenten.

  • 💪

    Übung ist alles: Je häufiger du dich mit verschiedenen Aromen beschäftigst, desto besser erkennst du sie im Zusammenspiel.

  • 🍕

    Meide künstliche Aromastoffe. Sie sind oft viel intensiver als der Originalgeschmack und täuschen dein Empfinden.

  • 🍰

    Verzichte einen Monat lang auf Zucker und beobachte, wie sich deine Sensibilität für Süßes verändert. Auch hilfreich: den Salzkonsum zu reduzieren.

Fun Fact: Wenn Currywurst weh tut

Schon gewusst? "Scharf" ist kein Geschmack. Scharfstoffe im Essen, zum Beispiel das in Chili enthaltene Capsaicin, reizen die Schleimhaut und lösen eine Schmerzreaktion aus - ähnlich wie Hitze.

Veröffentlicht: 09.06.2020 / Autor: Chris Tomas