Galileo WM CopyCreated with Sketch.
  1. Galileo WM CopyCreated with Sketch.Galileo
  2. Life
Gendergerechte Sprache: Was dafür und was dagegen spricht.

Gendergerechte Sprache: Was spricht dafür - und was dagegen?

Über gendergerechte Sprache wird schon länger heiß diskutiert. Muss sich Sprache ändern, um Gerechtigkeit zu schaffen? Alle Argumente für und gegen "Gendern" im Überblick. Und: So haben die Galileo-Zuschauer:innen abgestimmt!
Gendergerechte Sprache: Was dafür und was dagegen spricht.

Das Wichtigste zum Thema Gendergerechte Sprache

  • Ein Sprachgebrauch, der Menschen aller Geschlechter gleichermaßen anspricht, wird als gendergerechte Sprache bezeichnet. Wie der auszusehen hat, darüber streiten sich von Sprachpfleger:innen bis zu Sprachforschenden viele gesellschaftliche Gruppen.

  • Sprachkritiker:innen betonen, dass Formen wie "Lehrer" oder "Fahrer" bereits alle Menschen ansprechen, Zusatzformen etwa mit "-in" brauche es nicht.

  • Andere Fachleute meinen hingegen, die allgemeingültige maskuline Form beinhalte nicht alle Menschen. Ihres Erachtens ist gendergerechte Sprache wichtig für die Gleichberechtigung, weil Sprache unser Denken formt und andersherum.

  • Von Gender-Sternchen bis Binnen-I: Verschiedene Interessengruppen sprechen sich für unterschiedliche Varianten aus. Der offiziell zuständige Rechtschreib-Rat erkennt noch keine allgemeingültige Regelung für "richtiges Gendern".

  • Ob Gegner, Befürworter*in, Verfechter_in oder Fürsprecher/-in: Verbindliche Regeln für gendergerechte Sprache kann man ohnehin nicht per Vorschrift durchsetzen. Sprache verändert sich viel mehr über gemeinschaftlich etablierten Wandel.

  • In einigen Sprachen, wie beispielsweise der Plansprache Esperanto gibt es für Nomen und Dinge gar kein Geschlecht, sondern es gilt die allgemeine Bezeichnung als neutral.

Dafür oder Dagegen: Das Voting-Ergebnis

Eindeutiges Ergebnis vom 25. März: Die Galileo-Zuschauer:innen sind zu 86 Prozent gegen Gendern.

Eindeutiges Ergebnis vom 25. März: Die Galileo-Zuschauer:innen sind zu 86 Prozent gegen Gendern.

Das sagen Stimmen dagegen

  • Kritiker:innen betonen den Unterschied zwischen grammatischem (Genus) und biologischem Geschlecht (Sexus): Beispiele wie "der Tisch" veranschaulichen demnach, dass "maskulin" und "männlich" nicht zusammenhängen müssen. Die Linguistin Ewa Trutkowski etwa meint, dass Gendern die "Konsequenz der Vermengung des Merkmals Genus mit dem Merkmal Sexus" ist.

  • 👩‍🏫

    Ausdrücke wie "Lehrer" im sogenannten generischen (allgemeingültigen) Maskulinum sind Sprachpfleger:innen zufolge auf kein biologisches Geschlecht festgelegt, sondern schließen Männer und Frauen ein.

  • 🗞

    Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg erklärt: Endungen wie "-er" dienen dazu, etwa aus dem Verb "les-en" das Nomen "Les-er" zu bilden. Mit dem (biologischen) Geschlecht habe die Endung nichts zu tun. Der "Leser" ist dann eine Person, die liest.

  • Gender-Gegner:innen stellen teils einen Widerspruch in sich selbst fest. Endungen wie "-in" in Wörtern wie "Leser-in" grenzen die weibliche Form von anderen ab. Daher werde durch gendergerechte Schreibweisen Sexismus erst betont und eben gerade nicht bekämpft.

  • 🤔

    Übrigens sind nicht nur (alte, weiße) Männer gegen das Gendern. Die Journalistin Nele Pollatschek zum Beispiel sieht ein tieferliegendes Henne-Ei-Problem: Wirken etwa Berufsbezeichnungen vielleicht "nur deswegen männlich, weil sie historisch nur von Männern ausgeführt werden durften"?

  • 🤐

    Nicht zuletzt fürchten Kritiker:innen, dass Schreib- und Rede-Regeln vorgeschrieben werden, für die es keine Allgemeinheit gebe. Die sogenannte Gender-Pause in gesprochenen Wörtern wie "Student-(Pause)-innen" sei unnatürlich für die deutsche Sprache.

G-klärt: Was steckt hinter der Gender-Data-Gap?

G-klärt: Was steckt hinter der Gender-Data-Gap?

Die sogenannte Gender-Data-Gap besagt, dass unsere datenbasierte Welt von Männern für Männer entworfen wurde. Warum ist das so - und was kann man dagegen machen?

Das sagen Stimmen dafür

  • 👨‍🔬

    Anderen Fachleuten wie Henning Lobin und Damaris Nübling zufolge sind die Kern-Argumente der Gender-Gegner sachlich falsch. Die Forschung habe bereits bewiesen, dass mit Wörtern wie "Physiker", "Erzieher" oder "Kosmetiker" typische gesellschaftliche Vorstellungen verknüpft sind. Grammatisches und biologisches Geschlecht sind folglich nicht völlig unabhängig.

  • 👱‍♀‍

    Mit "Chemiker" oder "Schüler" sind also nicht alle Personen gemeint, findet auch der Linguist Anatol Stefanowitsch: Im Gegensatz zum Englischen etwa, wo der Begleiter "the" kein (grammatisches) Geschlecht anzeigt, sind im Deutschen Wörter, die sich auf Männer beziehen, meist maskulin ("der Mann, Vater") und auf Frauen bezogene Wörter feminin ("die Frau, Mutter"). Vermeintliche Gegenbeispiele wie "die Memme" oder "der Vamp" bestätigen das: Deren Begleiter markieren nicht das Geschlecht, sondern die erwarteten Geschlechterrollen.

  • 😜

    Zur Endung "-in" überlegen die Gender-Befürworter:innen Christina und Torsten Siever, dass (bislang inkorrekte) Formen wie "Les-in" noch besser als "Les-er-in" wären. Denn Grundlage für die "Les-er-in" ist trotzdem der "Les-er". Das weibliche Wort ist also praktisch abhängig von dem männlichen.

  • 😮

    Die Pause in gesprochener gendergerechter Sprache ist allgemein nichts Unübliches im Deutschen, wie die Linguistin Gabriele Diewald erklärt. In Wörtern wie "be-inhalten" oder "Re-aktion" machen wir ebenso eine kurze Sprechpause. Die Professorin der Uni Hannover setzt sich mit wissenschaftlichen Projekten und Veröffentlichungen seit Jahren fürs Gendern ein.

  • 🧐

    In geschriebener gendergerechter Sprache gibt's zurzeit noch viele Varianten: Binnen-I ("BürgerIn"), Gender-Gap ("Bürger_in"), Doppelpunkt ("Bürger:in") etc. Weil dadurch teils Formen wie "Ärzt:in" entstehen, die ohne Endung "-in" falsch sind, rät die Gesellschaft für deutsche Sprache unter anderem vom Gender-Doppelpunkt ab.

  • Der Rechtschreib-Rat als - im Gegensatz zum Duden - maßgebende Rechtschreib-Einrichtung erkennt insgesamt noch keine eindeutige allgemeingültige Form. Mit Blick auf die Verständlichkeit und Lesbarkeit empfiehlt er deshalb, je nach Textsorte eine passende Schreibvariante zu wählen.

Die erste Transgender-Schule der Welt

Die erste Transgender-Schule der Welt

In Chiles Hauptstadt Santiago de Chile gibt es die erste Transgender-Schule der Welt. 53 Transgender-Kinder bekommen dort Unterricht. Was auf dem Lehrplan steht und wie sich die Schultage gestalten, hat sich "Galileo" vor Ort angeschaut.

Verwandte Themen

Sprache / Redewendungen
Veröffentlicht: 25.03.2021 / Autor: Alexander Duebbert