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"Katzenvideo" steht jetzt im Duden: Wie schafft's ein Wort eigentlich da rein?

Der Duden gilt als wichtige Institution für die deutsche Sprache. In der aktuellsten Ausgabe des Rechtschreib-Wörterbuchs sind 3.000 neue Wörter aufgenommen worden. Wie haben die Begriffe das eigentlich gepackt?

Das Wichtigste zum Thema Duden

  • Ungefähr alle 3 bis 5 Jahre veröffentlicht die Duden-Redaktion ein neues Rechtschreib-Wörterbuch. Die 1. Auflage erschien bereits im Jahr 1880.

  • In der aktuellsten Ausgabe sind 3.000 neue Wörter enthalten, 300 wurden hingegen gestrichen. Auch sind zum ersten Mal Hinweise zu gendergerechter Sprache eingearbeitet.

  • Duden ist nicht gleich Duden: Neben dem häufig bekannten Rechtschreib-Duden gibt es auch eine Duden-Grammatik, ein Herkunftswörterbuch und viele weitere Werke.

"Lockdown" und "Elektroscooter" auch im neuen Duden

Mitte August erschien die 28. und damit aktuellste Auflage vom "Duden - Die deutsche Rechtschreibung". Mit rund 148.000 Stichwörtern ist es die umfangreichste aller Zeiten.

Im Vergleich zur letzten Auflage von 2017 haben es 3.000 neue Wörter in das berühmte Nachschlagewerk geschafft. Demgegenüber hat die Redaktion etwa 300 alte Begriffe gestrichen.

Duden 28. Auflage


Das gedruckte Standardwerk mit knapp 1.300 Seiten ist trotz der umfangreicheren, kostenlosen Online-Version ein Kassenschlager: Rund 650.000 Exemplare wurden von der 27. Auflage verkauft.
© picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa

Diese Wörter sind außerdem neu drin

  • 😺

    Während Katzenvideos im digitalen Zeitalter fast schon zum Standard-Wortschatz gehören, sind E-Scooter und Lockdown eher aktuellen Entwicklungen zu verdanken.

  • 🍀

    Gleiches gilt für Fridays for Future: Die Bezeichnung gibt es logischerweise erst, seitdem die entsprechende Klimabewegung existiert. Aufgrund seines enormen Wirkungskreises hat der Ausdruck jetzt auch einen Platz im neuen Duden.

  • Im Zuge der Klimadebatte hat es auch die Flugscham in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft. Damit ist das schlechte Gewissen gemeint, das Klima durch Flugreisen zu belasten.

  • Geisterspiele, also Wettkämpfe ohne Fans, gehören für Fußball und Co. in Corona-Zeiten zum neuen Alltag. Also landete das Wort nun auch im Rechtschreib-Duden.

  • 👍

    Cool, dufte, knorke: Für super Sachen hat wohl jede Generation einen eigenen Trend-Ausdruck. Heutzutage gibt's dafür das kurze nice.

  • 📊

    Nach googeln findest du jetzt auch doodeln im Duden. Das Tool für Abstimmungen des Schweizer Unternehmens Doodle geht damit sprachlich einen ähnlichen Weg wie der US-Gigant Google.

  • 📺

    Ein einfacher, hilfreicher Tipp für den Alltag, meist erklärt im kurzen Videoclip. Oder kurz: ein Lifehack. Ein beliebter, kleiner Kniff braucht eben auch eine griffige Bezeichnung.

Und diese Begriffe sind unter anderem raus

  • 🍞

    Für den vor allem bei älteren Mitmenschen beliebten Einkaufs-Trolley ist der Ausdruck Hackenporsche offenbar nicht mehr in aller Munde. Darum strich ihn die Redaktion.

  • Unter einem Fernsprechanschluss verstand sich ein Anschluss an ein Telefonnetz. Im Handy-Zeitalter wenig verwunderlich, dass der Begriff etwas sperrig erscheint.

  • 😠

    Für mürrische Menschen scheinen Begriffe wie Miesepeter/in gebräuchlicher als Murrkopf. Folglich wurde der zweite jetzt vor die Tür gesetzt.

  • 💏

    Ein Aufgebotsschein bestätigte nach der öffentlichen Bekanntmachung einer anstehenden Hochzeit, dass keiner der künftigen Ehepartner andere aktuelle Liebeleien hatte. Heute braucht's den nicht mehr.

  • 👖

    Auch mit der Mode wandelt sich die Sprache. Niethosen, Jeans mit besonderen Bund- und Taschennähten, trägt und sagt heute kaum einer mehr. Darum steht der Begriff auch nicht mehr im Duden.

Wie kommt ein Wort überhaupt in den Duden?

Sprachen sind immer auch ein Spiegel einer Sprachgemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Diesen Grundsatz befolgt auch die Duden-Redaktion: Damit ein Wort im Duden landet, muss es sich also über einen längeren Zeitraum etabliert haben.

Um solche gefestigten Wörter festzustellen, durchsuchen Sprachwissenschaftler mithilfe von Computer-Tools das Duden-Korpus. Das ist eine digitale Sprachdaten-Sammlung aus unter anderem Romanen, Zeitschriften und Reden, die laufend aktualisiert wird und derzeit über 5 Milliarden Wortformen umfasst.

Durch eine fachliche Auswertung können die Sprach-Experten objektiv abbilden, welche Wörter musterhaft im Sprachgebrauch üblich sind. Auf dieser Grundlage berät und entscheidet die Duden-Redaktion anschließend über neue Kandidaten für die nächste Duden-Auflage.

Kathrin Kunkel-Razum


Dr. Kathrin Kunkel-Razum ist die Leiterin der Duden-Wörterbuch-Redaktion.
© picture alliance/dpa

 

📖 Wie fliegt ein Wort raus?

Auf die gleiche Art und Weise ermitteln die Forscher auch Streichfälle. Ist ein Begriff kein Bestandteil typischen Sprachgebrauchs mehr, entfernt die Redaktion den Eintrag im nächsten Duden. Die "Lebensdauer" eines Wortes hängt demnach von seinem Gebrauch ab.

Sprachen befinden sich stets im Wandel. Wörter wie "Tanzplatz" für eine Tanzfläche im Freien wirken heute eher veraltet. Hingegen gab es Begriffe wie "Smartphone" früher nicht, weil die entsprechenden Dinge noch gar nicht existierten.

Keine Sprachpolizei, aber trotzdem sprachpolitisch brisant

Der Rechtschreib-Duden ist nicht als Lexikon gedacht. Zwar sieht sich die Duden-Redaktion selbst als führende Instanz der deutschen Sprache. Die Arbeit der Sprachwissenschaftler ist jedoch eher als Ratgeber oder Leitfaden und nicht als "Sprachgesetz" zu verstehen.

Duden 28. Auflage


Auch wenn manche das meinen: Der Duden schreibt keine verbindlichen "Sprach-Regeln" vor.
© picture alliance/Wolfgang Kumm/dpa

 

🚧 Droht der deutschen Sprache der Verfall?

Gerade bei polarisierenden Themen wie dem Einfluss der englischen Sprache (Anglizismen) oder gendergerechter Sprache wird die Rolle des Dudens teils falsch interpretiert.

Aufgrund seines enormen öffentlichen Stellenwerts sehen es etwa selbsternannte Sprachpfleger kritisch, wenn der Duden Begriffe wie Fridays for Future oder Lifehack aufnimmt. Sie fürchten die vermeintliche Gefahr eines "Sprachverfalls".

Sprachwissenschaftliche Studien etwa vom Leibniz-Institut für deutsche Sprache (IDS) beruhigen hingegen: Der deutschen Sprache geht es gut. Sprachen wandeln sich vielmehr schon immer dynamisch.

 

🚨 Der Duden entscheidet nicht (allein) über die Rechtschreibung

Überhaupt ist der Duden eigentlich gar nicht bindend, wie die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) deutlich macht. Einzig die Richtlinien des zwischenstaatlichen Gremiums des Rechtschreibrats sind maßgeblich.

Gut zu wissen: Die Leiterin der Duden-Redaktion sitzt im 40-köpifgen Rechtschreibrat.

Veröffentlicht: 15.08.2020 / Autor: Alexander Duebbert