Notaufnahme der Belriner Charité

Nowitschok - das vielleicht gefährlichste Nervengift der Welt

Der Kreml-Gegner Alexei Nawalny ist das neueste, aber nicht das erste Opfer des starken Nervengifts Nowitschok. Warum es zu den gefährlichsten Substanzen der Welt zählt - und das, obwohl es eigentlich aus 2 ungiftigen Stoffen besteht.

Das Wichtigste zum Thema Nowitschok

  • Der Kreml-Gegner und Anti-Korruptions-Aktivist Alexei Nawalny kam am 22. August mit schweren Vergiftungs-Erscheinungen in die Berliner Charité und liegt dort im künstlichen Koma. Noch ist nicht absehbar, wann und in welchem Zustand er aus dem Koma erwacht.

  • Bereits 1 Milligramm Nowitschok ist tödlich - damit zählt es zu den stärksten Giften überhaupt. Zum Vergleich: Es wirkt bis zu 8-mal stärker als VX - die Substanz, mit der 2017 Kim Jong Uns Halbbruder ermordet wurde.

  • Der Name Nowitschok heißt so viel wie "Neuling". So neu ist das Gift aber gar nicht: Erstmals an die Öffentlichkeit gelangte es Anfang der 1990er Jahre. Heute weiß man, dass in der damaligen Sowjetunion bereits in den 1970ern an dem geheimen Kampfstoff mit dem Decknamen "Foliant" geforscht wurde.

  • Mehr als 100 Substanzen zählen zu den Nowitschok-Giften. Unbehandelt endet eine Vergiftung in Atemlähmung und Herzstillstand. Gegenmittel wie Atropin helfen nur bedingt. Noch dazu ist Nowitschok schwerer nachweisbar als andere Nervengifte.

  • Das tödliche Geheimnis: Nowitschok entsteht, wenn 2 ungiftige oder mäßig schädliche Substanzen sich vermischen: Bestimmte legale Stoffe - zum Beispiel aus der landwirtschaftlichen Schädlingsbekämpfung - fusionieren zu einem fatalen Gift-Cocktail. So umgehen die Hersteller seit Jahrzehnten die Verbotslisten der Chemiewaffenkonvention (CVC).

Auch der Auftragsmörder riskiert sein Leben - so tödlich ist das Gift

Alexei Nawalny


Alexei Nawalny: Zurzeit liegt Putins wohl einflussreichster Gegner im künstlichen Koma in der Berliner Charité.
© picture alliance/Russian Look

 

Nowitschok gelangt als feinstes Pulver über die Nahrung, den Atem oder sogar die Haut in den Organismus. Auch wenn die 2 Ausgangs-Substanzen allein nicht lebensgefährlich sind - sobald sie sich vermischen, reichen Aerosole und kleinste Partikel auf der Haut, um auch den Attentäter zu vergiften.

Eine Protein-Kettenreaktion führt zu übermäßigem Speichelfluss, Lähmungen, Muskel-Krämpfen und schließlich zum Tod durch Atemstillstand oder Herzversagen.

Der russische Rechtsanwalt und Putin-Gegner Alexei Nawalny (44) brach auf einem Flug von Sibirien nach Moskau unter großen Schmerzen zusammen. Am Flughafen trank er noch einen Tee - wie oder wo ihm das Gift verabreicht wurde, ist aber noch ungeklärt. Bei einem Notfall-Zwischenstopp in einer Klinik in Omsk schlossen die Ärzte eine Vergiftung aus und sprachen von "Stoffwechselproblemen".

Daraufhin flog man den Aktivisten zur Behandlung in die Berliner Charité, wo schließlich die Vergiftung durch Nowitschok diagnostiziert wurde.

Nawalny ist nicht der einzige - diese Opfer forderte Nowitschok bereits

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    1987: Der Chemiker Andrei Schelesnjakow kam beim Experimentieren mit Nowitschok in Kontakt und erholte sich nie wieder von Schwindel-Attacken, Muskel-Schwäche, Depressions-Schüben, Atemproblemen, Leberzirrhose und einer Hepatitis-Erkrankung. 5 Jahre später starb er an den Folgen.

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    1995: Iwan Kiwelidi, Präsident der Rosbisnesbank und Korruptions-Gegner, starb an einer Vergiftung, nachdem Nowitschok auf seinem Telefonhörer aufgetragen wurde. Seine Assistentin rief den Notarzt an und starb ebenfalls - genau wie der Arzt, der die Leichen obduzierte.

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    2015: Emilian Gebrew, ein bulgarischer Waffenhändler, wurde vermutlich ebenfalls mit Nowitschok vergiftet - überlebte den Anschlag aber.

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    2018: Sergei Skripal, russischer Überläufer und britischer Doppel-Agent, und seine Tochter starben fast an den Folgen einer Nowitschok-Vergiftung im englischen Salisbury. Seitdem meiden sie die Öffentlichkeit - ob sie an Spätfolgen leiden, ist unbekannt.

Etwa ein Jahr, nachdem Sergei Skripal und seine Tochter vergiftet wurden, fand ein Paar den leeren Giftbehälter. Die Frau starb an den schweren Vergiftungserscheinungen, der Mann konnte gerettet werden.

Warum wurde Nawalny vergiftet?

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    Nawalny gilt als einer der einflussreichsten Gegner von Russlands Präsident Putin. Er nannte die Regierungspartei "Partei der Gauner und Diebe" und deckte im vergangenen Jahrzehnt die korrupten Strukturen in Politik und Wirtschaft auf.

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    Nawalny war bereits seit einigen Jahren unter Beobachtung der Regierung. Als beliebter Anti-Korruptions-Aktivist rief er immer wieder zu öffentlichem Widerstand auf und führte Kundgebungen an.

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    Bei der Bürgermeister-Wahl 2013 in Moskau bekam er 27 Prozent der Stimmen - ein herausragendes Ergebnis. An der Präsidentschaftswahl 2018 konnte Nawalny nicht teilnehmen, weil er eine Haftstrafe absaß - wegen angeblicher Veruntreuung.

  • 🤨

    Es wäre nicht der erste von der Regierung beauftragte Anschlag auf einen Kreml-Gegner - deshalb spitzen sich die Vorwürfe in diese Richtung zu. Auch soll der Geheimdienst in das Attentat verwickelt sein.

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    Der Oppositionspolitiker Ilja Jashin sagte im russischen Rundfunksender Echo Moskwy: "Nawalny ist in der Lage, zehntausende Anhänger auf die Straßen zu bringen. Kurzum: Er stellt eine kapitale Bedrohung dar, die in der für Putin heiklen Phase der Machtübergabe problematisch werden kann."

  • 😯

    Warum aber ist eines der gefährlichsten Gifte der Welt so dosiert, dass es den Gegner nicht tötet? Ein bloßes Versehen? Experten vermuten ein Einschüchterungs-Manöver hinter dem Anschlag.

Wer stellt Nowitschok überhaupt her?

Bisher wurde noch kein Giftmörder erwischt - und bis heute ist nicht nachgewiesen, welche der rund 100 Nowitschok-Substanzen damals Sergej Skripal und seine Tochter vergifteten.

Für die Motivation hinter den Giftanschlägen gibt es also nur Spekulationen, fast alle weisen jedoch in dieselbe Richtung:

Der Chemiker Wil Mirsajanow, der früher selbst an Nowitschok forschte und dessen Existenz in den 1990er Jahren erstmals öffentlich machte, sagte 2018 in einem "Zeit"-Interview zum Fall Skripal: Keine Kriminellen, sondern nur Staaten seien in der Lage, das Gift herzustellen - denn man bräuchte "eine besondere Laborausstattung und langjährige Erfahrung mit chemischen Kampfstoffen".

Die britische Regierung schrieb damals in einem Brief an den Nato-Generalsekretär: "Es ist unwahrscheinlich, dass Nowitschoks von nicht-staatlichen Akteuren (etwa von einer kriminellen oder einer terroristischen Gruppe) produziert und verwendet werden können".

Und im aktuellen Fall? Der russische Staat weist alle Schuld von sich - und beschuldigt sogar "die Merkel-Regierung", Nawalny vergiftet zu haben: "Eine Krankenschwester, ein Arzt könnte die Substanz verabreichen, wenn sie Nawalny wirklich auf irgend eine Weise mit einer giftigen Substanz in Berührung bringen wollten", so der Duma-Abgeordnete Andrej Lugowoj.

Hier stimmt die Chemie: Die Stoffe helfen gegen Alzheimer und Schädlinge

So teuflisch Nowitschok als Gift ist - seine Bestandteile bringen auch etwas Gutes hervor: Die sogenannten Cholinesterase-Hemmer kommen auch gegen Alzheimer zum Einsatz. In geringen Mengen tragen sie zu einer verstärkten Signal-Übertragung des Gehirns bei - und verlangsamen den Krankheitsverlauf von Demenz-Patienten.

Stark verdünnt, sind die Substanzen auch ein wirksamer Schädlingsbekämpfer. Bevor sie traurige Karriere als Nervengift machten, dienten die Stoffe also einem guten Zweck.

Veröffentlicht: 03.09.2020 / Autor: Carina Neumann-Mahlkau