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Schick genug für Tinder? Neuer Blick auf die römischen Kaiser

Wie sah eigentlich so ein Kaiser von Rom aus? Und die römischen Bürger? Moderne Technik und die gute alte Kunst bieten uns ein Fenster in die Vergangenheit.

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein spanischer Bildhauer stellt hyperrealistische Versionen der römischen Kaiser her. Er stützt sich dafür auf ihre Büsten und Beschreibungen von Geschichtsschreibern.

  • DNA-Analysen geben Aufschluss über Haut- und Augenfarbe und zeigen beispielsweise, dass die römische Gesellschaft sehr gemischt war.

  • Mit forensischen Methoden können Forscher die unsere Vorfahren rekonstruieren und über den Zustand von Zähnen und Knochen auf Lebensgewohnheiten und Krankheiten schließen.

Geschichte zum Anfassen: So sahen die römischen Kaiser aus

Der spanische Künstlers Salva Ruano kreiert hyperrealistische Büsten der Caesaren mit den Details, die ein Gesicht wirklich menschlich machen: Hautunebenheiten, Bartstoppeln und glänzenden Augen.

Und wie wird das Bild realistisch? Zunächst werden erhaltende Büsten gecheckt. Das Problem: Sie dürften idealisiert sein, denn ganz ehrlich: Wenn euer Auftraggeber euch umbringen lassen könnte, würdet ihr ihm auch keinen Pickel auf die Nase meißeln.

Noch ein Weg: Das Studieren der Beschreibungen der römischen Geschichtsschreiber. Hier gilt das Umgekehrte: Die Autoren bliesen Auffälligkeiten auf, denn die Berichte gingen an Angehörige der Senatorenklasse, die es durchaus genossen, wenn der Kaiser literarisch zusammengestutzt wurde.

In der Mitte liegt dann Ruanos Wahrheit ...

Caesar, Augustus, Nero und Caligula: Sahen sie so aus?

So kommen wir der Geschichte näher

  • 🎨

    Statuen und Fresken wurden in der Antike bemalt. Die Pigmente sind verblasst, so dass wir heute nur die marmorweißen Büsten kennen, zu ihrer Zeit waren sie aber wohl knallbunt.

  • 💩

    Dank versteinerter Überreste von Fäkalien in den Ruinen antiker Latrinen wissen wir, dass viele Römer an einem Bandwurm litten, der durch eine Fischsoße verbreitet wurde.

  • 👂

    Wir können unsere Vorfahren auch hören: Mit einem 3D-Drucker wurde vor Kurzem der Kehlkopf einer ägyptischen Mumie gedruckt. Der Replik konnten die Forscher auch schon einen Ton entlocken.

Die römische Gesellschaft - ein bunter Haufen

Als 2017 im Kinderprogramm der BBC ein Cartoon über römischer Alltag auf den britischen Inseln lief, in dem ein dunkelhäutiger Familienvater vorkam, hagelte es Beschwerden: Das könne nicht historisch akkurat und nur dem politischen Wunsch der Inklusion geschuldet sein.

Tatsächlich deutet viel darauf hin, dass die römische Gesellschaft sehr gemischt war. Eigentlich logisch, denn das Reich erstreckte sich von den britischen Inseln bis zur Nordküste Afrikas und unterhielt Handelsbeziehungen weit über seine Grenzen hinaus.

Römische Geschichtsschreiber schrieben kaum etwas über Herkunft, Hautfarbe und ähnliches. Wichtiger als das war, wie gut eine Person Latein konnte.

Wie aber können Archäologen genauer herausfinden, wie die Gesellschaft aussah? 

Die erste Quelle: Grabinschriften. Sie liefern Informationen, denn auf ihnen ist oft vermerkt, woher jemand ursprünglich stammte.

Mittlerweile gibt es aber DNA-Tests, die uns viel verraten. Eine groß angelegte Studie untersuchte Gräber in der Gegend der Stadt Rom von der Frühzeit bis ins Jetzt.

Das Ergebnis: Zur Blütezeit des Reiches war Rom wohl ein Schmelztigel. Viele Bewohner stammten aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Nordafrika.

Zurück in die Frühzeit, dank DNA!

Wir können dank DNA-Funden noch weiter zurückblicken, als die Geschichtsschreibung es uns erlaubt - und Menschen rekonstruieren, zu denen es keine Aufzeichnungen gibt.

Das funktioniert, weil beispielsweise die Augenfarbe sehr einfach codiert ist. Auch die Hautfarbe ist rekonstruierbar. Zwar sind davor mehrere, aber ebenfalls leicht bestimmbare Genmarker verantwortlich.

Und: Computer sind mittlerweile in der Lage, anhand der Schädelknochen Gesichter mit Leichtigkeit zu rekonstruieren.

So bekam 2018 der "Cheddar Man", ein 9800 Jahre altes Skelett, wieder ein komplettes Aussehen: Der etwa 20-Jährige wurde auf den britischen Inseln gefunden, gehörte wohl einem Stamm nomadischer Jäger an, hatte blaue Augen - und dunkle Haut.

Cheddar Man - rekonstruiertes Gesicht mit dunkler Haut und blauen Augen.


Das Gesicht des 9800 Jahre alten "Cheddar Mans" wurde rekonstruiert.
© picture alliance

Sprechende Zähne Knochen zeigen uns unsere Vorfahren

Einlagerungen in den Zähnen verraten uns aus welchen Regionen die Nahrung stammte, die der Verstorbene im Laufe seines Lebens gegessen hat. Damit wissen wir, wo er oder sie sich länger aufgehalten hat.

Und Knochen geben Auskünfte über Krankheiten, an denen die Menschen litten.

So fanden Archäologen bei den Bewohnern römischer Städte erstaunliche viele Fälle von Vitamin-D-Mangel, der zu Knochenerweichungen führt, vor.

Offenbar verbrachten die Stadtbewohner, vor allem die Kinder, zu viel Zeit in den dunklen, kleinen Wohnungen der mehrstöckigen Mietshäuser, die damals gebaut wurden. Denn wir brauchen Sonnenlicht, um das Vitamin bilden zu können-

Dieser Mangel galt bisher als typisch für das frühe Industriezeitalter, in der die Menschen in komplett verrauchten Städten lebten.

Das ist nicht die erste "Zivilisationskrankheit", die wir viel weiter zurückverfolgen können, als gedacht.

Das Erbmaterial der berühmten Gletschermumie "Ötzi" lässt darauf schließen, dass der vor 5300 Jahren gestorbene Mann an einer Herz-Kreislauferkrankung litt.

Auch er hat mittlerweile wieder ein Gesicht.

Ötzi Rekonstruktion


Ötzi soll an Kreislaufproblemen und Laktose-Intoleranz gelitten haben.
© (c) dpa

 

Veröffentlicht: 07.01.2020 / Autor: Martin Haldenmair

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