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Schlimmer als Trump? Warum Brasiliens Präsident Bolsonaro so umstritten ist

Corona verharmloste er als "kleine Grippe", dabei ist sein Land mit am stärksten von der Pandemie betroffen. Nun hat sich Brasiliens Präsident Bolsonaro selbst mit Corona infiziert. Warum er das zu seinem Vorteil nutzen könnte - und wie er an die Macht kam.

Die Lage in Brasilien unter Präsident Bolsonaro

  • Brasilien ist das nach den USA am zweitstärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land. Experten schätzen, dass die Zahl der Virus-Erkrankten höher ist als offiziell bekannt, da in Brasilien relativ wenig getestet wird.

  • Jetzt hat der Präsident selbst Covid-19, verharmlost die Pandemie aber weiter und betont, dass er sich gut fühlt. Die Gefahr: Wenn bei ihm Corona milde verläuft, könnte das Auswirkungen auf die landesweiten Corona-Maßnahmen haben.

  • Denn der 65-Jährige will trotz Pandemie möglichst viele Arbeitsplätze erhalten und eine wirtschaftliche Krise verhindern - daher lehnt er Lockdowns ab.

  • Mehrere Gesundheitsminister, die den brasilianischen Präsidenten für seinen Umgang mit der Corona-Pandemie kritisierten, wurden entlassen oder warfen selbst nach wenigen Wochen hin.

  • Überhaupt ist der Fan von Militärdiktaturen für extreme Sprüche bekannt. Immer wieder äußert er sich rassistisch und frauenfeindlich, wünscht politisch Andersdenkenden den Tod. Belangt wurde er dafür nie.

Das Amazonas-Gebiet? Für ihn nur ein Wirtschaftsraum

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    Bolsonaro zweifelt den Klimawandel an und sieht im Amazonas-Gebiet vor allem ungenutztes wirtschaftliches Potential. Umweltschützer kritisieren das als Zeichen an die Bauern, den brasilianischen Regenwald noch stärker abzuholzen.

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    Bereits vor Beginn der Corona-Pandemie nahm die Abholzung des Amazonasgebiets zu: von Januar bis April um 55 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und schon 2019 hatte sich die Zahl der abgeholzten Fläche im Vergleich zu 2018 fast verdoppelt.

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    Umweltminister Ricardo Salles sieht in der Corona-Pandemie eine Chance, fernab vom Fokus der Öffentlichkeit "alle Vorschriften zu ändern", die Bergbau und Landwirtschaft im Amazonasgebiet verbieten. Umweltschützer warnen davor, dass wegen der Pandemie die Überwachung zum Schutz vor illegaler Abholzung nachlässt.

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    Forscher glauben, dass sich der Niedergang des Amazonas-Regenwalds ab einer zerstörten Fläche von etwa 25 Prozent nicht mehr aufhalten lässt. Dann wäre das Ökosystem nicht mehr in der Lage, für eigene Niederschläge zu sorgen, und droht auszutrocknen.

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    Was wiederum Auswirkungen auf das Weltklima hätte, schließlich ist der Amazonas eines der wichtigsten biologischen Systeme und ein riesiger Kohlenstoff-Speicher. Wird er vernichtet, gelangt viel Kohlenstoff in die Atmosphäre und beschleunigt die globale Erwärmung.

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    Als im Sommer 2019 die Zahl der Brände im Amazonas stark anstieg, attackierte Bolsonaro Umweltorganisationen und warf ihnen vor, die Feuer gelegt zu haben, um an Spenden zu kommen. Erst nach internationalem Druck wies er die Armee an, Einsatzkräfte beim Löschen zu unterstützen und illegale Rodungen zu verhindern.

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    Auch Europa kann Druck auf Bolsonaro ausüben: So schlägt der WWF vor, Lieferketten genau zu überprüfen und keine Waren mehr aus Brasilien zu importieren, für die Regenwald abgeholzt wurde.

Die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds

Die Skandale der Präsidentschaft Bolsonaro

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    Bolsonaro soll Ermittlungen der Bundespolizei gegen 2 seiner Söhne behindert haben. Sie sollen unter anderem öffentliche Mittel auf private Konten abgezweigt haben.

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    In einem Video beschimpft Bolsonaro die Gouverneure von São Paulo und Rio de Janeiro als "Stück Scheiße" und "Misthaufen", weil sie strenge Corona-Ausgangssperren verhängt und seine Anweisungen ignoriert haben.

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    Zuletzt hat ein Gericht Bolsonaro unter Androhung von Geldstrafen dazu verpflichtet, in öffentlichen Räumen, Verkehrsmitteln und Geschäften eine Schutzmaske zu tragen.

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    Ende Mai hatten mehrere Oppositions-Parteien einen Antrag auf Amtsenthebung von Bolsonaro eingereicht - weil er die Ausbreitung der Corona-Pandemie gefördert und damit Menschenleben riskieren würde. Es war bereits der 32te Antrag gegen ihn. Keiner wurde im Parlament überhaupt beraten.

Darum hat Brasilien Bolsonaro zum Präsidenten gewählt

  • Brasiliens Wirtschaft litt zum Zeitpunkt der Präsidentenwahl 2018 unter einer schweren Krise: Millionen Brasilianer waren wegen der Rezession arbeitslos geworden. Noch vor 10 Jahren war das Land kurz davor, Frankreich als fünftgrößte Ökonomie der Welt zu überholen.

  • Zudem hatte die Gewalt vor der Wahl 2018 stetig zugenommen, und zahlreiche Politiker fast aller Parteien waren in Korruptionsskandale verwickelt.

  • Also versprach der Hardliner, die Korruption zu bekämpfen und die öffentliche Sicherheit zu verbessern. Auch die Wirtschaft wollte er in Schwung bringen.

  • Der beliebte Ex-Präsident Luíz Inácio Lula da Silva konnte bei der Wahl nicht gegen Bolsonaro antreten, weil er zuvor in einem umstrittenen Prozess wegen Korruption zu einer Haftstrafe** verurteilt worden war. Im November 2019 kam Lula vorläufig frei.

  • Brasiliens Bevölkerung gilt als gespalten - politisch und wirtschaftlich. Von den etwa 200 Millionen Einwohnern sind mindestens 10 Millionen ohne Arbeitsvertrag tätig - und damit extrem gefährdet bei wirtschaftlichen Krisen.

5 Dinge, die du tun kannst, um den Regenwald zu schützen

  • 🍖

    Iss weniger Fleisch: In der Massentierhaltung wird oft Soja aus dem Amazonasgebiet als Futtermittel eingesetzt. Der Dschungel muss den Plantagen weichen. Steak-Liebhaber sollten deshalb auf regionale Fleischprodukte und Bio-Siegel achten.

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    Reduziere deinen Papierverbrauch: Schreibpapier, Taschentücher & Co. werden häufig aus Tropenholz hergestellt. Möglichst sparsam damit umgehen und auf Recycling-Produkte zurückgreifen.

  • 🛏️

    Verzichte auf Tropenholz: Möbel aus Teak, Mahagoni und Co. sind zwar widerstandsfähig und langlebig, aber für sie wird massiv gerodet. Deswegen (sich) lieber auf heimische Hölzer setzen.

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    Meide Produkte mit Palmöl: Große Regenwaldflächen fallen der Gewinnung von Palmöl zum Opfer. Das günstige Öl versteckt sich in vielen Lebensmitteln (etwa in Margarine und Schokolade) und Kosmetikprodukten (wie Cremes und Duschgels).

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    (Lass) Bäume pflanzen: Wem der grüne Daumen oder der Platz im Garten fehlt, kann Organisationen unterstützen, die sich der Aufforstung verschrieben haben. Online geht's auch: Die Suchmaschine „Ecosia“ zum Beispiel verwendet die Einnahmen aus (d)einer Suchanfrage, um weltweit Bäume zu pflanzen.

Veröffentlicht: 21.07.2020 / Autor: Johannes Huyer

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