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Frau steht vor geschlossenem Rolladen in Griechenland

Staatsbankrott: Was passiert, wenn ein Land pleite geht?

Island 2008, Griechenland 2010, Argentinien 2014 - und 2022 vielleicht Russland? Viele Länder der Welt waren schon mal pleite oder standen zumindest kurz vor dem Bankrott. Was bedeutet das für Staaten und ihre Bevölkerungen? Im Clip: Die Folgen der Staatspleite von Griechenland.
Staatsbankrott: Was passiert, wenn ein Land pleite geht?
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Das Wichtigste zum Thema Staatsbankrott

  • Wie Privatleute oder Unternehmen können auch Länder Kredite aufnehmen. So finanzieren sie zum Beispiel große Investitionen ins Militär oder den Ausbau ihrer Infrastruktur.

  • Gerät ein Staat in eine wirtschaftliche und/oder politische Krise, kann es passieren, dass er diese Schulden nicht mehr zurückzahlen kann. Dann ist er bankrott beziehungsweise insolvent.

  • Eine Staatspleite hat auch für die Bevölkerung Folgen. Ihre Vermögen verlieren an Wert, die heimische Wirtschaft stürzt ab. Wenn das zahlungsunfähige Land international eine bedeutende Rolle spielt, kann seine Krise auch andere Staaten "anstecken".

  • Dass Länder zahlungsunfähig werden, ist keine Seltenheit. In der Zeit von 1824 bis 2004 wurden 257 Staatsinsolvenzen gezählt. Seit 1980 hat es 90 Staatsbankrotte in 73 Ländern gegeben - manche Staaten sind also mehrfach pleitegegangen. Chile war schon siebenmal, Brasilien sechsmal und Argentinien fünfmal insolvent. Auch Deutschland traf es bereits zweifach, jeweils nach den beiden Weltkriegen.

Wann spricht man von einem Staatsbankrott?

Allgemein bedeutet ein Staatsbankrott, dass ein Land nicht mehr in der Lage ist, finanzielle Verpflichtungen wie fällige Zinsen oder Rückzahlungen gegenüber Kreditgebern (Gläubigern) mit seinen Einnahmen zu decken. Es kann also seine Schulden nicht mehr begleichen.

Wann das der Fall ist, wird an der Höhe der Schuldenquote gemessen. Sie bezeichnet in Prozent das Verhältnis von den Schulden eines Landes zu seiner jährlichen wirtschaftlichen Leistung - dem Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Ein Rechenbeispiel: Ein Staat hat in einem Jahr 50 Milliarden Euro Schulden angehäuft und ein BIP von 100 Milliarden Euro erwirtschaftet. Um die Schuldenquote zu ermitteln, werden die 50 Milliarden Euro durch die 100 Milliarden Euro geteilt. Heraus kommt ein Wert von 0,50 - das entspricht einer Quote von 50 Prozent.

Als Richtwert für eine "besorgniserregende" Schuldenquote gelten 90 Prozent. In der EU sollte der Schuldenstand eines Mitgliedslandes 60 Prozent des BIP nicht überschreiten. Wird diese Vorgabe nicht eingehalten, kann die europäische Staatengemeinschaft den Verstoß beispielsweise mit Geldbußen ahnden.

Die Schuldenuhr vom Bund der Steuerzahler Deutschland e.V. in Berlin. Foto vom 19. Juli 2021.


Die Schuldenuhr vom Bund der Steuerzahler Deutschland macht in Berlin den Schuldenstand der Bundesrepublik sichtbar. Das Foto wurde am 19. Juli 2021 aufgenommen - in dem Jahr lag die deutsche Schuldenquote bei 69,3 Prozent.
© picture alliance / Daniel Kalker | Daniel Kalker

 

Wie kann sich ein Land überhaupt zu hoch verschulden?

Staaten müssen oft mehr Geld ausgeben, als sie etwa durch Steuern oder Warenexporte einnehmen. Beispielsweise gerieten Nationen früher zumeist durch Kriege in Verschuldung. Ab dem 19. Jahrhundert nahmen sie vor allem Kredite auf, um sich ihre Industrialisierung - den Ausbau ihrer öffentlichen Infrastruktur mit Eisenbahnen, Häfen oder auch Straßennetze - leisten zu können.

Heutzutage steht die Welt vor neuen kostspieligen Herausforderungen: In Zeiten des Klimawandels und die Digitalisierung müssen Staaten verstärkt in ihre sozialen und digitalen Infrastrukturen sowie in umweltschonendere Energie- und Verkehrsanlagen investieren. Hinzu kommen außenpolitische Kosten - sie haben nicht nur für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, sondern gegebenenfalls auch finanziellen Auflagen von internationalen Bündnissen wie der EU oder der NATO nachzukommen.

Olaf Scholz in der Sondersitzung des Deutschen Bundestages


Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte nach Beginn des Ukraine-Krieges ein 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr an. Dafür wird der deutsche Staat neue Kredite - sprich, neue Schulden - aufnehmen müssen.
© picture alliance / Geisler-Fotopress | Frederic Kern/Geisler-Fotopress

Oftmals kann ein Staat das alles nicht aus eigener Tasche zahlen. Er geht dann auf Gläubiger zu, von denen er sich Geld leihen kann: private Anleger, Banken und Unternehmen sowie Kreditgeber im In- und Ausland. An sie verkauft er Wertpapiere (Anleihen), für die er Geld bekommt, oder er nimmt direkt Kredite bei ihnen auf.

Gerät ein Land nun in wirtschaftliche und/oder politische Schwierigkeiten, verlieren seine Kreditgeber das Vertrauen in seine Zahlungsfähigkeit. Sie müssen befürchten, ihr geliehenes Geld vielleicht nicht mehr zurückzubekommen. Um sich abzusichern, verlangen sie von dem Land für neue Kredite höhere Zinsen

Kann es seine Altschulden schließlich gar nicht mehr zurückzahlen, wird es zahlungsunfähig. Es ist bankrott.

 

Politisch bedingter Staatsbankrott

Auch politische Unregelmäßigkeiten können ein Land zahlungsunfähig erscheinen lassen - unabhängig davon, ob es eigentlich in der Lage dazu gewesen wäre, seine Schulden zu begleichen.

So kam es in einigen Staaten nach extremen Regierungswechseln und Revolutionen dazu, dass sich die neuen Machthaber weigerten, die unter der alten Führung aufgenommenen Schulden anzuerkennen und zu tilgen. Das geschah beispielsweise 1799 nach der Französischen Revolution oder auch 1917 in Russland, als es sich nach dem Ende des Zarenreiches zu einem kommunistischen Regime formierte.

Historischer Rubel mit dem Porträt des russischen Revolutionärs Wladimir Iljitsch Lenin.


In Russland weigerte sich die neue kommunistische Regierung unter ihrem Führer Wladimir Lenin im Jahr 1917, die Auslands-Schulden des gestürzten Zaren Nikolaus II zu bezahlen. Die 1923 gegründete Sowjetunion war deshalb vom ersten Tag an insolvent. Erst 80 Jahre später, nachdem der Staat sich aufgelöst hatte, tilgte Russland seine Altschulden.
© picture alliance / dpa-Zentralbild | Stephan Schulz

Welche Folgen kann ein Staatsbankrott für das Land und die Welt haben?

  • 🏦

    Die Kreditgeber - insbesondere von Staatsanleihen - bekommen nach dem Bankrott des Schuldner-Staates weder die Zinsen noch den fälligen Betrag zurückgezahlt. Oft muss sogar ausgehandelt werden, dass sie dem zahlungsunfähigen Land den offenen Kredit ganz oder zumindest teilweise erlassen.

  • 📉

    Staaten können Anleihen nicht nur im Ausland, sondern auch von inländischen Gläubigern wie Banken, Fonds, Versicherungen und privaten Anleger:innen aufnehmen. Im Falle eines Bankrotts kann dann aber auch die heimische Wirtschaft kollabieren.

  • 💱

    Die Menschen bekommen Angst um ihre Vermögen und versuchen, es zu retten. Es kommt zu einem Ansturm auf die Banken mit anschließender Kapitalflucht. Das bedeutet, sie versuchen, ihre Vermögen so vollständig wie möglich im Ausland in Sicherheit zu bringen.

  • 🚧

    Ein zahlungsunfähiges Land hat auch kein Geld mehr für staatliche Dienste: Es kann Beamt:innen ihre Gehälter und Pensionen nur noch verringert oder nicht mehr zahlen. So zerfallen die Bildungs- und Sicherheitssysteme. Zudem ist für öffentliche Infrastruktur, etwa Krankenhäuser, Straßen, Kindergärten, Schulen und Universitäten immer weniger Geld übrig. Weil der Staat keine Sozialhilfen mehr leisten kann, steigt neben der Arbeitslosen- auch die Armutsquote.

  • 💰

    Hyperinflation setzt ein, weil die Güterproduktion eines Lands weitgehend stillsteht und weniger Waren gehandelt werden können. Die schlechte Versorgung mit Gütern führt dazu, dass die Preise steigen. Versuchen die Menschen des Krisenlandes, den weiteren Preissteigerungen zuvorzukommen, indem sie ihr Geld möglichst schnell für Güter ausgeben, ist es irgendwann in zu großen Mengen im Umlauf. Dadurch verringert sich seine Kaufkraft - die Währung stürzt ab. Sobald die Inflationsrate bei mindestens 50 Prozent liegt, spricht man von Hyperinflation.

  • 🌐

    All dies wirkt sich natürlich auch international aus. Je aktiver ein Staat vor seinem Bankrott an der regionalen und/oder der globalen Wirtschaft beteiligt war, umso wahrscheinlicher ist es, dass seine Pleite Nachbarstaaten, Handelspartner, die internationalen Finanzmärkte oder gar die Weltwirtschaft mit in die Krise reißt.

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Ukraine-Krieg: Droht nun auch Russland die Insolvenz?

Mit dem Angriff auf die Ukraine haben weltweit Nationen Sanktionen gegen Russland verhängt, um dessen Wirtschaft zu schwächen. So sind auf die meisten russischen Güter Embargos verhängt, internationale Unternehmen haben dort ihre Standorte geschlossen, der Handel mit vielen russischen Banken wurde verboten.


Eine Ikea-Filiale in St. Petersburg ist geschlossen. Wegen des Ukraine-Krieges stellten der schwedische Möbelmarkt sowie viele andere westliche Unternehmen bis auf Weiteres ihren Betrieb in Russland ein.
© picture alliance/dpa | Igor Russak

Seit ein paar Tagen zeichnet sich ab, dass Russland auf einen Staatsbankrott zusteuern könnte: Erstmals beglich die Regierung in Moskau Schulden bei den USA in Rubel statt in Dollar. In der Wirtschaft gelten Länder, die Auslandsschulden in für sie fremden Währungen wie Euro oder Dollar nicht mehr zahlen können, gemeinhin als bankrott. Wie es wirklich in Russland aussieht oder welche Folgen dessen Pleite hätte, weiß aber niemand so wirklich.

Die Sanktionen des Westens bleiben also nicht ohne Folgen. So wird geschätzt, dass die russische Wirtschaftsleistung in 2022 um rund ein Zehntel einbrechen könnte. Im Februar lag die Inflation in Russland bei 9,2 Prozent.

Die russische Regierung betont allerdings immer wieder, dass sie nicht pleite sei. Tatsächlich könnte sie trotz aller Sanktionen über hohe Finanzreserven verfügen. Und weil viele Länder der EU noch immer von russischem Öl und Erdgas abhängig sind, kommen täglich Milliardenbeträge dazu.

Putin unterschreibt auf Pipeline


Noch immer liefert Russland unter seinem Präsidenten Wladimir Putin für Milliardensummen Rohstoffe nach Europa - auch nach Deutschland. Über einen möglichen russischen Staatsbankrott kann derweil nur spekuliert werden.
© picture alliance / dpa | Korotayev Artyom

Mögliche Wege aus der Krise

Nachdem ein Staat, anders als Unternehmen, bei einem Bankrott nicht einfach aufgelöst werden kann, müssen Lösungswege gefunden werden, um ihn wieder zahlungsfähig zu bekommen.

Zumeist sind dafür Verhandlungen zwischen der Regierung des betroffenen Landes und seinen Gläubigern notwendig. Es geht darum, die Schuldenlast auf den Staat zu verringern. So können die fälligen Rückzahlungen etwa verlängert, gestrichen oder auch die Zinsen darauf gesenkt werden.

Ein "Notnagel" ist außerdem der Internationale Währungsfonds (IWF): Als Sonderorganisation der Vereinten Nationen kann er Kredite und Finanzhilfen an Länder vergeben, um sie bei Zahlungsschwierigkeiten zu unterstützen. Allerdings müssen betroffene Staaten dafür gewisse Auflagen erfüllen und Konzepte für wirtschaftliche Reformen vorlegen.

Logo des Internationalen Waehrungsfonds bei der IWF Jahrestagung in Washington.


Wenn ein Staat in finanzielle Schwierigkeiten gerät, kann er gegebenenfalls beim IWF Hilfe beanspruchen. Diese Möglichkeit nahm beispielsweise Rumänien 2008 während der Weltwirtschaftskrise in Anspruch, ebenso Griechenland, Argentinien und Irland im Jahr 2010.
© picture alliance / photothek | Thomas Trutschel/ photothek.de

"Schuldenbremse" als Schutz vor der Pleite

  • 🛑

    Um es gar nicht erst zum Staatsbankrott kommen zu lassen, haben manche Länder eine gesetzliche Kreditgrenze für sich festgelegt. Mit ihr verpflichten sie sich dazu, neue Schulden nur bis zu einer bestimmten Höhe aufzunehmen und diese auch möglichst fristgerecht zurückzuzahlen.

  • 🇩🇪

    Deutschland hat dieses als Schuldenbremse bezeichnete Limit 2009 per Gesetz eingeführt. Damals war vorgesehen, dass sich die Bundesrepublik ab 2016 jährlich nur bis zu 0,35 % des Bruttoinlandsproduktes (damals circa neun Milliarden Euro) neu verschulden darf.

  • 💶

    Ausnahmen gelten nur in Notsituationen wie etwa Umweltkatastrophen oder Weltwirtschaftskrisen. So konnte 2020 und 2021 während der Corona-Pandemie die Schuldenbremse ausgesetzt werden. In diesen Jahren nahm Deutschland die höchsten Kredite in seiner Geschichte auf: In den ersten Monaten von 2021 beispielsweise betrug die Staatsverschuldung 2,2 Billionen Euro.

Veröffentlicht: 13.04.2022 / Autorin: Laura Geigenberger