Teilchenphysikerin programmiert Alternative zur Pille
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Teilchenphysikerin programmiert Alternative zur Pille

vor 2 Jahren

Was macht man als Teilchenphysiker, wenn man schon ziemlich viel in der Physik erreicht hat? Richtig, etwas anderes. Das dachte sich auch Elina Berglund und programmierte in drei Jahren Arbeit eine App zur Verhütung, die zu 99,5 Prozent sicher sein soll.

Vor vier Jahren blieb die Physiker-Welt einmal kurz stehen, als das Higgs-Boson-Teilchen – das aller Materie Masse verleiht – im CERN entdeckt wurde. Daran beteiligt war die schwedische Teilchenphysikerin Elina Berglund.

Berglund verbrachte die folgenden Jahre allerdings mit etwas ganz anderem: Sie wollte ihrem Körper eine Pillen-Pause gönnen und fand eine natürliche Verhütungsmethode. Eine Alternative zur Pille. Ohne Hormone. Zwar gab es schon einige Apps auf dem Markt, aber nichts, das wirklich akkurat genug arbeiten würde. Denn die greifen zwar den weiblichen Rhythmus auf, vernachlässigen aber, dass der bei jeder Frau anders sein kann (deshalb ist die Methode nur zu 75 Prozent sicher). Also setzte sie sich hin, entwarf einen Algorithmus und programmierte in drei Jahren ihre eigene App. Die hat jetzt die zweite Testphase überstanden und verspricht 99,5 Prozent Sicherheit. Das ist sogar besser als Pille und Kondom.

Klar, eine App kann sexuell übertragbaren Krankheiten nicht vorbeugen. Daher ist sie auch eher für Pärchen in längeren Beziehungen gedacht, die eine natürliche Alternative zur Pille suchen. Aber sie hat keine Nebenwirkungen. Keine zusätzlichen Hormone, die den weiblichen Körper durcheinander bringen könnten.

Wie funktioniert die App?

Damit die Verhütung wirklich klappt, müssen die Frauen tatsächlich bei der Sache bleiben. Täglich muss die Körpertemperatur gemessen und in die App eingetragen werden. Denn nachweislich steigt die Temperatur von Frauen um 0,45 Grad Celsius nach dem Eisprung. Berglund benutzte statistische Methoden aus ihrer CERN-Zeit, um die App zu programmieren. Durchschnittlich sind Frauen neun Tage im Monat fruchtbar. Die Temperatur wird dann mit einem großen Datensatz in der App verglichen und eine grüne (Sex ohne Verhütung möglich) oder rote (kein Sex ohne Verhütung) Markierung zeigt die Fruchtbarkeit an.

Bisher gab es zwei Testphasen. An der zweiten nahmen über 4.000 Frauen zwischen 20 und 35 Jahren teil. Diese ging über ein Jahr. Das Ergebnis: Es entstanden 143 ungewollte Schwangerschaften. Von ihnen sind zehn auf falsche Anzeigen in der App zurückzuführen. Das entspricht einer Sicherheit von 99,5 Prozent. Die übrigen entstanden, weil die Frauen die App nicht richtig nutzten (oder vergaßen, ihre Temperatur einzutragen).

Im Vergleich: Kondome sind zu 98 Prozent sicher, die Spirale zu 99 Prozent, ebenso wie die Pille. Die App kann natürlich auch genutzt werden, wenn man schwanger werden und seine Chancen erhöhen möchte.

Die Nachteile

Es gibt wohl keine Verhütungsmethode, die keine Nachteile hat. Auch die App hat sie. In der zweiten Testphase sind 1.000 Frauen zwischendurch ausgestiegen. Denn es erfordert Motivation und Ausdauer, jeden Tag zur gleichen Zeit die Temperatur zu messen. Aber für solche organisierten Frauen ist es eine gelungene Alternative. Der UK National Health Service erklärte, wenn die App über einen Zeitraum von einem Jahre korrekt benutzt würde, gäbe es gerade mal fünf ungewollte Schwangerschaften unter 1.000 Frauen. Das ist eine sehr niedrige Quote.

Nimmt man allerdings die typische Fehlerquote an – man vergisst es mal oder misst zu einem falschen Zeitpunkt – ergibt das eine praktische Erfolgsquote von durchschnittlich 93 Prozent. Genauigkeit ist wohl das wichtigste Gut bei dieser Methode.

Momentan nutzen 100.000 Frauen die App (für knapp acht Euro monatlich). Die Finanzierung läuft im großen Stile an und Berglund hat einen weiteren Teilchenphysiker vom CERN engagiert, um die App noch effektiver zu machen.

Wie ist eigentlich die erste Verhütungsmethode entstanden? Geht mit uns auf Zeitreise:

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