Ein Mann fotografiert im Verborgenen

V-Männer: Wer sind die geheimen Verbindungsleute?

Der Verfassungsschutz oder die Polizei können für Recherchen in extremistischen Kreisen sogenannte V-Männer einsetzen. Wer kommt als V-Person infrage? Und wie arbeiten sie?
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Das Wichtigste zum Thema V-Männer

  • Die Abkürzung steht für Vertrauens- oder Verbindungsmänner. Das heißt nicht, dass die Personen besonders vertrauenswürdig sind. Vielmehr ist die Zusammenarbeit mit ihnen vertraulich, also geheim.

  • V-Leute statt V-Männer: Meist ist von V-Männern die Rede. Natürlich können aber auch Frauen eine Verbindungsperson sein. Die genaue Anzahl aktiver V-Leute ist öffentlich nicht bekannt.

  • Der Verfassungsschutz oder die Polizei erhoffen sich durch V-Leute Infos aus erster Hand beispielsweise aus der rechts- oder linksextremistischen Szene. Als Gegenleistung für ihre Kooperation mit den Behörden erhalten V-Personen in der Regel Geld.

  • Am Einsatz von V-Leuten gibt es jedoch immer wieder Kritik. Weil etwa die Parteispitze der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) mit V-Leuten besetzt war, scheiterte das erste NPD-Verbotsverfahren 2003.

  • V-Leute waren auch im Prozess gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ein großes Thema. Neben zahlreichen Sprengstoffanschlägen, Raubüberfällen und Mordversuchen tötete die neonazistische terroristische Vereinigung um das Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe 10 Menschen.

Warum steht die Zusammenarbeit mit V-Leuten in der Kritik? Eine Frage für Tanjev Schultz, Terrorismusexperte und Professor für Journalismus an der Uni Mainz

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    Im Fall des NSU ist das Bestürzende, dass es unheimlich viele V-Leute im Umfeld der Terroristen gab. Einige haben sogar interessante Hinweise gegeben, und trotzdem haben es die Behörden nicht geschafft, die Terroristen zu stoppen.

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    Man sieht im Fall des NSU sowohl ein Versagen der V-Leute als auch ein Versagen der Ämter beim Führen der V-Leute. Der Umgang mit interessanten Informationen war ein Desaster. Die verschiedenen Verfassungsschutzbehörden und die Polizei haben nebeneinanderher gearbeitet und sich teilweise blockiert. Informationen wurden nicht weitergegeben oder weiterverfolgt.

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    Wir müssen auch vermuten, dass einige V-Leute nicht alles erzählt haben, was sie wussten. Dass sie ein doppeltes Spiel spielten und am Ende der Neonazi-Szene loyal gegenüberstanden und nicht dem Staat.

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    Informationen zur Größe der Bewegung, Namen oder Hinweise auf geplante Straftaten weiterzugeben oder Material wie Dateien oder Strategiepapiere zu beschaffen, ist für V-Leute ein Akt des Verrats. Denn V-Leute sind Szene-Angehörige, die meist nicht aus dem Milieu gelöst sind, dem sie angehören. Man muss davon ausgehen, dass sie ihre eigenen Leute nicht reinreiten. Eher, dass sie Geld wollen für Informationen, die niemandem so richtig schaden.

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    In der Folge des NSU-Prozesses wurden Vorschriften zur Zusammenarbeit mit V-Leuten verschärft, zum Beispiel dürfen die Ämter nicht mit Straftätern zusammenarbeiten, die wegen Verbrechen verurteilt wurden. Meiner Meinung nach ist eine konsequente Reform aber ausgeblieben.

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    So wie es im Fall des NSU gelaufen ist, richtet das V-Mann-System deutlich mehr Schäden an, als dass es nutzt. Und selbst wenn V-Leute in anderen Fällen wichtige Informationen beschaffen sollten: Es ist ein Schmutz- und Graubereich, in den sich der Rechtsstaat begibt. Und allein deswegen kann man die V-Mann-Praxis hinterfragen. Ist es das wert?

Was macht eigentlich der Verfassungsschutz?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist der deutsche Inlandsnachrichtendienst. Welche Aufgaben übernimmt der Dienst genau?

V wie vertraulich: Warum V-Leute keine verdeckten Agenten sind

V-Leute sind Privatpersonen, die meist für eine finanzielle Gegenleistung dauerhaft mit dem Verfassungsschutz oder der Polizei zusammenarbeiten. Sie sind keine Angestellten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), die verdeckt arbeiten.

V-Leute gehören selbst zur kriminellen bis extremistischen Szene, zu der die Behörden Informationen sammeln. Dazu zählen zum Beispiel eine rechtsextreme Gruppierung oder eine terroristische Vereinigung.

Als mögliche Motivation für V-Leute gelten Geld, Rache oder Neid innerhalb der Szene. Manche erhoffen sich offenbar auch Vorteile bei der eigenen Strafverfolgung.

Wer als V-Person für die Polizei, den Zoll oder Bundesnachrichtendienste wie den Verfassungsschutz arbeitet, wurde von den Behörden angeworben. Die Identität von V-Leuten und ihre behördlichen Verbindungen bleiben geheim. Das gewährleistet der sogenannte Quellenschutz.

Berühmt gewordene V-Leute - und was aus ihnen wurde

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    Peter Urbach war in den 1960er Jahren V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes. Er belieferte die linke Szene mit Molotow-Cocktails, Bomben und mindestens einer Schusswaffe. Zu seinen "Kunden" zählte auch die linksextremistische terroristische Vereinigung "Rote Armee Fraktion" (RAF). Nachdem er 1971 vor Gericht gegen RAF-Mitgründer Horst Mahler aussagte, war er enttarnt und verschwand aus der Öffentlichkeit. Er starb 2011 in Kalifornien.

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    Die RAF-Terroristin Verena Becker war nach dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback im Jahr 1977 dringend tatverdächtig, wurde aber erst 2012 wegen Beihilfe zum Mord zu 4 Jahren Haft verurteilt. Auch sie war Informantin des Verfassungsschutzes. In welchem Zeitraum genau, ist umstritten.

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    Thomas Richter, besser bekannt als Corelli, war ein rechtsextremer Aktivist im Umfeld des NSU und über viele Jahre hinweg V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Er galt als Top-Quelle der rechtsextremen Szene, wurde jedoch 2012 enttarnt. Seine genaue Rolle im NSU-Komplex blieb unklar, Sicherheitsbehörden sollen Informationen zurückgehalten haben. Corelli starb 2014.

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    Murat Cem galt als Top-Informant aus der islamistischen Szene. 20 Jahre lang soll er als V-Mann der Polizei Infos beschafft haben. Unter anderem hatte er die Behörden offenbar wiederholt vor Anis Amri gewarnt, der 2016 bei einem Anschlag am Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz 12 Menschen tötete. Ein Mann aus der Islamisten-Szene soll vor Gericht die wahre Identität hinter dem Tarn-Namen "Murat Cem" aufgedeckt haben.

Deutsche Geheimagenten

Der deutsche Auslandsgeheimdienst gibt nur sehr ungern preis, wie er arbeitet. Uns ist es dennoch gelungen, einige Geheimnisse zu lüften.

"V-Leute" in der DDR

Die früheren Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) waren praktisch die V-Leute der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Ihr Auftrag: "staatsgefährdende" Bestrebungen ermitteln.

Damit waren nicht nur politische Aktivitäten gemeint, sondern auch private Meinungsäußerungen. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR nannten sie daher eher Spitzel, Denunzianten oder Kundschafter.

Die Stasi spannte im Laufe der Jahrzehnte ein Netz aus mehreren Hunderttausenden inoffiziellen Mitarbeitern um sich. Dank ihnen bekam die DDR-Staatsführung Informationen über ihre Bevölkerung sowie Institutionen im In- und Ausland.

Die Unterlagen der Stasi lagern seit dem Ende der DDR im sogenannten Stasi-Unterlagen-Archiv. Einen Einblick in ihre Stasi-Akten kann man beantragen. So können die früheren DDR-Bürger:innen erfahren, wer Informationen über sie weitergegeben hat und wie die Stasi in ihr Leben eingegriffen hat. Bisher wurden mehr als 3,3 Millionen Anträge gestellt.

Die Stasi in Zahlen und Fakten

Veröffentlicht: 16.04.2021 / Autor: Kathrin Aldenhoff