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Warum dauert das so lange? Die Energiewende im Check

Um unsere Klimaziele zu erreichen, müssen wir unsere Art, Energie zu erzeugen, verändern. Wo die größten Probleme liegen - und wo mögliche Lösungen.

Das Wichtigste zum Thema Energiewende

  • Zum Erreichen der weltweiten Klimaziele spielt die Energiewende eine zentrale Rolle. Anstatt aus Kern- oder Kohlekraftwerken soll unsere Energie aus erneuerbaren Quellen wie Solar-, Wind- oder Biogasanlagen kommen.

  • Im Jahr 2000 trat in Deutschland erstmals das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft. Das soll die Energiewende unterstützen. Viele Ziele sind jedoch noch nicht erreicht.

  • Ein Hauptfokus erneuerbarer Energien liegt auf der Quote im Stromsektor. Aber auch andere Bereiche wie Wärme und Verkehr sind für die Klimaziele wichtig.

Das sind die Ziele - und das ist bislang geschafft

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    Bis zum Jahr 2050 will Deutschland seinen Ausstoß von Kohlenstoffdioxid um 80 bis 95 Prozent im Vergleich zu 1990 reduzieren. Dabei soll das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) helfen. Es trat 2000 erstmals in Kraft getreten und wird seither stets weiterentwickelt.

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    Vorbild? Damals sah die Welt Deutschland als Vorkämpfer für den Klimaschutz. Im globalen Energiewende-Index 2019 des Weltwirtschaftsforums belegt Deutschland aber nur Platz 17. An der Spitze stehen Schweden, die Schweiz und Norwegen. Selbst Luxemburg und Portugal haben Deutschland inzwischen überholt.

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    Der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch in Deutschland wächst aber stetig: Lag die Quote im Jahr 2010 noch bei 17 Prozent, waren es 2017 schon 36 Prozent und 2019 sogar 46 Prozent.

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    Damit ist das Ziel der Bundesregierung, bis 2025 einen Anteil erneuerbarer Energien im Stromsektor von 40 bis 45 Prozent zu erreichen, bereits geschafft. Um an eine Rate von 65 Prozent im Jahr 2030 beziehungsweise von 80 Prozent bis 2050 zu gelangen, ist es allerdings noch ein weiter Weg.

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    Am 31. Dezember 2019 ging das Atomkraftwerk (AKW) Philippsburg 2 vom Netz. Die 6 restlichen deutschen AKW sollen bis zum Jahr 2022 abgeschaltet werden.

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    Alle Stein- und Braunkohlekraftwerke in Deutschland sollen bis spätestens 2038 die Produktion einstellen. Erstes Etappenziel ist das Jahr 2022: Bis dahin sollen nur noch etwa 30 Großanlagen am Netz sein.

Die größten Probleme – und wie wir sie lösen wollen

Problem 1: Zu wenige Leitungen

Ungefähr die Hälfte der erneuerbaren Stromproduktion speist sich aus Windkraftanlagen: Von den insgesamt rund 225 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2018 kamen 111,5 TWh von Windrädern auf Land oder See. Zur Einordnung: 1 TWh deckt ungefähr den Stromverbrauch Berlins in einem Monat ab.

Es bleibt aber ein Problem: Viele Windräder stehen im windigen Norden und Osten. Die Industrie, die viel Strom braucht, eher im Westen und Süden. Damit die Energie dahin kommt, benötigen wir sehr gute Stromleitungen. Die gibt es größtenteils aber noch nicht.

Rund 7.700 Kilometer an Stromtrassen müsste ein belastbares Netz haben, wir haben nicht einmal 1.000 Kilometer. Zu viel wertvolle Energie geht noch verloren.

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    Lösung: Klar, das Stromnetz muss besser werden. Die Bundesregierung will mit neuen Technologien das bestehende Netz optimieren. Natürlich führt aber kein Weg am Bau neuer Stromtrassen vom Norden in den Süden vorbei: Bis 2021 will die Regierung den Bau von mindestens 4.000 Kilometern an Leitungen genehmigt haben. Vor 2025 sind die Nord-Süd-Trassen aber wohl kaum fertig. Wie der Bau aktuell vorangeht, kannst du in einer interaktiven Karte der Bundesnetzagentur nachsehen.

Problem 2: Versorgungssicherheit

Erneuerbare Energien sind stark wetterabhängig: An sonnigen oder windigen Tagen erzeugen die Wind- und Solarkraftanlagen viel elektrische Energie, in schattigen oder windstellen Stunden wenig.

Damit wir auch bei ungünstigen Wetterverhältnissen mit ausreichend Strom versorgt sind, müssen wir die überschüssige Energie speichern können.

Das ist bisher jedoch nur begrenzt möglich. Bestehende Technologien haben noch nicht genügend Kapazitäten. Zeitweise müssen Windräder daher sogar abgeschaltet werden, Energiepotentiale lösen sich in Luft auf.

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    Lösung: Innovative Speichertechnologien wie Pump- und Druckluftspeicher. Hier wird die Energie quasi in Wasser und Luft umgewandelt: Diese fließen bei Bedarf durch eine Turbine und erzeugen wieder Strom. Vielversprechend sind auch Power-to-Gas-Anlagen: Energie wird in Wasserstoff überführt, der durch Kraftwerke wieder in Strom umgewandelt wird. Noch sind die Verfahren jedoch sehr teuer.

Problem 3: Akzeptanz

Zwar finden 93 Prozent der Menschen in Deutschland die Förderung erneuerbarer Energien wichtig, wie eine Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigt. Doch im Einzelfall sieht das wieder ganz anders aus: Nur jeder Zweite (55 Prozent) will Windparks in der direkten Nachbarschaft haben - aus Angst vor Lärm und Gesundheitsrisiken.

Die Skepsis zeigt offenbar Wirkung: Wurden 2017 noch über 1.700 Windenergielangen errichtet, waren es im ersten Halbjahr 2019 an Land nur 86. Das entspricht dem geringsten Zubau seit des ersten Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000.

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    Lösung: Förderung von Offshore-Anlagen. Das sind große Windkraftanlagen in der Nord- und Ostsee in rund 50 Kilometer Entfernung zur Küste. Sie erzeugen aufgrund der günstigeren Wetterverhältnisse weitaus mehr Energie: Bis zum Jahr 2030 sollen Offshore-Windparks mit einer Leistung von 15 bis 20 Gigawatt (GW) entstehen. Diese könnten im Jahr rund 130 TWh Strom erzeugen, womit Berlins Stromverbrauch für rund 10 Jahre abgedeckt wäre.

Problem 4: Nur grüner Strom reicht nicht

Während der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion mit 46 Prozent im Jahr 2019 bereits eine zufriedenstellende Quote aufweist, ist die Situation in den übrigen Sektoren anders: Der Anteil erneuerbarer Energien am Wärmeverbrauch lag im Jahr 2018 bei rund 14 Prozent, im Verkehr gerade einmal bei rund 6 Prozent.

Insgesamt erreichten erneuerbare Energien im Jahr 2018 über alle Sektoren hinweg einen Anteil von 16,5 Prozent. Die Zielquote von 18 Prozent im Jahr 2020 ist damit greifbar. Dennoch besteht Verbesserungsbedarf.

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    Lösung: Staatliche Unterstützung zum Beispiel für den Kauf von Solarthermie-, Holzpellet- oder Hackschnitzelheizungen. Im Verkehrssektor läuft die E-Auto-Offensive langsam an: Beim Kauf von Elektro-Fahrzeugen winkt Käufern Anfang 2020 ein Umweltbonus von bis zu 6.000 Euro.

Problem 5: Energiewende ist eine globale Angelegenheit

Dass Deutschland Ziele hinsichtlich erneuerbarer Energien verfolgt, ist wichtig. Für eine umfassende Energie- und somit Klimawende sind nationale Anstrengungen allein aber keine Lösung.

Im Jahr 2017 erzeugten alle Länder unserer Welt rund ein Drittel (32 Prozent) der Energie noch mit Erdöl. Der Anteil des erneuerbaren Energieträgers Wasserkraft lag hingegen bei lediglich 2,5 Prozent.

Die einzelnen nationalen Interessen gehen weit auseinander: Frankreich etwa setzt bei der Stromproduktion sehr stark auf Atom-, Polen auf Kohlekraft.

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    Lösung: Europa und die Welt müssen sich einig werden. Politische Debatten sind wichtig, Wissen und Erfahrungen müssen global ausgetauscht werden. Außerdem sind weitere Investitionen notwendig, hier hat Deutschland noch Nachholbedarf: Im Jahr 2018 investierte Deutschland 6,3 Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien. China und die USA etwa, die oft als Klimasünder gelten, gaben mit 88,5 und 42,8 Milliarden US-Dollar weit mehr aus.

Veröffentlicht: 08.02.2020 / Autor: Alexander Duebbert

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