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Gestrandete Grindwale vor Tasmanien: Warum sich Wale verirren

Die Bilder der gestrandeten Grindwale vor der australischen Insel sind schockierend: Nur ein kleiner Teil von ihnen konnte gerettet werden. Was es mit den Massenstrandungen der Tiere auf sich hat - und weshalb die Färöer-Inseln für sie der gefährlichste Platz der Welt sind.
Warum verirren sich Wale und stranden? Wir geben die Antworten.

Das Wichtigste zum Thema Grindwale

  • Grindwale (auch Pilotwale genannt) gehören zur Familie der Delfine. Die Männchen werden bis zu 8 Meter lang und bis zu 3 Tonnen schwer, die Weibchen sind etwas kleiner und leichter.

  • Der massive Körper ist dunkel gefärbt. Lediglich an der Kehle befindet sich ein weißer Fleck, der sich zu einem Strich verengt und an der gesamten Unterseite entlangzieht. Die Zeichnung ähnelt einem Anker, dessen Spitze zum Kinn der Tiere zeigt.

  • Auf ihrem Speiseplan stehen Weichtiere und Fische. Zu den Fressfeinden der schwarzen Säuger zählen Schwertwale und einige große Haie.

  • Die Verschmutzung der Meere stellt für die schwimmenden Riesen eine der größten Bedrohungen dar - oft landet Plastik in ihrem Bauch. Hinzukommt, dass Grindwale nach wie vor gejagt werden (siehe unten).

  • Der aktuelle Bestand im Nordatlantik wird auf über 100.000 Tiere geschätzt. Ihre Lebenserwartung liegt zwischen 30 und 50 Jahren, der älteste bekannte Grindwal (ein Weibchen) wurde 57.

Rund 470 gestrandete Grindwale: Die bislang größte Strandung vor Tasmanien

Vor der Westküste Tasmaniens, der größten australischen Insel, strandeten rund 470 Grindwale im flachen Wasser auf Sandbänken. Massenstrandungen der Tiere sind in Australien bekannt, aber eine Strandung in dieser Größenordnung gab es dort noch nie. Die bis dato meisten Grindwale - eine Gruppe von 320 Individuen - wurden 1996 in der Nähe der westaustralischen Stadt Dunsborough an die Küste gespült.

Den Einsatzkräften in der Macquarie-Bucht gelang es, knapp 100 Grindwale zurück in tiefere Gewässer zu bringen. Laut der Helfer konnte man hören, wie die Tiere einander in der Not riefen. Für einen Großteil kam jede Rettung zu spät, rund 350 der gestrandeten Meeresriesen verendeten.

Da das Zuhause der Grindwale die Hochsee ist, muss die Desorientierung nach Meinung von Meeresbiologen weit vor der Küste eingetreten sein. "Dass sie dann in die Bucht geschwommen sind, kann nur bedeuten: Sie haben sich komplett verirrt und sind in Panik geraten", so ein Mitarbeiter der Tierschutz-Organisation Whale and Dolphin Conservation (WDC).

So versuch(t)en Helfer, die gestrandeten Grindwale zu retten

Die entscheidende Frage: Warum stranden Wale?

  • Grindwale sind in Familienverbänden organisiert und folgen auf ihren Wanderungen einzelnen Leittieren. Ihnen schwimmen sie auch in seichtes Wasser nach, wo sie sich nicht mehr zurechtfinden.
  • Zu Navigationsfehlern kommt es unter anderem, wenn ein Leittier erkrankt oder geschwächt ist und dadurch sein Echo-Ortungssystem versagt.
  • Da sich Wale an den Magnetfeldern der Erde orientieren, können Anomalien im Erdmagnetfeld ebenfalls zu Desorientierung führen. Störungen treten insbesondere in Küstengebieten auf, mit denen die Hochsee-Tiere nicht vertraut sind.
  • Starker Wind raubt ihnen Kraft. Zudem erzeugen Stürme Strömungen, in denen sich oft viele kleine Meerestiere tummeln. Dann passiert es, dass die erschöpften Wale dem Futter nachjagen und dabei abdriften.
  • Ein weiterer Strandungsgrund kann der Lärm sein, der in den Ozeanen herrscht. Geräusche, die Schiffsmotoren, Bohrinseln oder militärische Übungen verursachen, stressen die schwimmenden Riesen und versetzen sie mitunter in Panik. In dem Fall wissen sie manchmal nicht mehr, wo sie sind.
  • Abgesehen davon wird Grindwalen nicht selten ihr fürsorgliches Sozialverhalten zum Verhängnis. Viele stranden erneut, weil sie dorthin zurückschwimmen, wo ihre Artgenossen "festsitzen". Und auch kranke oder tote Verwandte lassen sie nicht allein.

Die Lebensweise der Grindwale

  • 👨‍👩‍👧‍👦

    Grindwale leben in Gruppen aus rund 20 Tieren. Zu Wander- und Jagdzeiten können die sogenannten Schulen auf mehrere hundert Mitglieder anwachsen.

  • 🐙

    Die Kolosse benötigen 50 Kilo Nahrung pro Tag. Um Tintenfische & Co. zu erbeuten, tauchen sie in Tiefen zwischen 500 und 1.000 Metern hinab.

  • 6️⃣

    Üblicherweise ziehen sie mit einer gemächlichen Geschwindigkeit von etwa 6 km/h durchs Wasser. Bei Gefahr können sie bis zu 7-mal schneller sein.

  • 💕

    Die Weibchen sind mit 6 bis 10 Jahren geschlechtsreif, bei den Männchen dauert es etwa doppelt so lang. Das Muttertier kümmert sich im Schnitt 4 Jahre um den Nachwuchs und ist erst dann wieder paarungsbereit.

  • 💬

    Kommuniziert wird mit Pfiffen in unterschiedlichen Tonhöhen. Laute geben die Wale beispielsweise von sich, um die Jungen zu erziehen, einen Partner anzulocken oder Haie zu vertreiben.

Grindadráp auf den Färöer-Inseln: Die blutige Jagd auf Grindwale

Das Grindadráp bezeichnet den Grindwalfang auf den zu Dänemark gehörenden Färöer-Inseln. Seine Ursprünge reichen in die Wikingerzeit zurück. Das Walfleisch galt als wichtige Nahrungsquelle für die Bewohner der abgeschiedenen unwirtlichen Inseln, auf denen Getreide und Gemüse nur spärlich wachsen.

Der Walfang wird dort bis heute betrieben. Taucht eine Grindwal-Gruppe auf, meldet die entsprechende Person die Sichtung und die Behörden entscheiden, ob See und Wetter den Fang zulassen. Im Fall einer Erlaubnis treiben bemannte Grind-Boote die Tiere zusammen und drängen sie in eine Bucht, wo das Töten der Wale erlaubt ist. Um Halsschlagader und Rückenmark zu durchtrennen, kommt eine spezielle Lanze (mønustingari) zum Einsatz. Vor 1985 durften auch Speere und Harpunen benutzt werden.

Das Wasser in der Bucht färbt sich bei einem Grindadráp rot. Insgesamt erlegen die Färöer im Schnitt 800 Grindwale pro Jahr. Internationale Tierschutz-Organisationen kritisieren die blutige Jagd als grausam und angesichts der Versorgungslage der Einheimischen als unnötig.

 

Dieser Aktivist kämpft gegen das Grindadráp

Veröffentlicht: 26.09.2020 / Autor: Heike Predikant