Deutscher Statistiker löst eines der komplexesten Matheprobleme - und wird von allen ignoriert
via Pixabay/CC0

Deutscher Statistiker löst eines der komplexesten Matheprobleme – und wird von allen ignoriert

vor 2 Jahren

Stell dir vor, du bist Statistiker im Ruhestand und eines Morgens, während du dir über dem Waschbecken die Zähne putzt, fällt dir die Lösung für eines der komplexesten Mathematikprobleme dieser Zeit ein. Du schreibst eine Abhandlung, veröffentlichst sie und dann kommt der Ruhm. Oder auch nicht. Alle ignorieren dich. Keiner achtet auf dich.

Was war passiert? Wir führen erstmal das mathematische Problem ein. Es geht um die berühmt-berüchtigte Gaußsche Korrelationsungleichung (GCI). Eigentlich klingt sie recht simpel. Sie mathematisch zu beweisen war aber bisher nicht möglich. Formuliert wurde sie erstmals in den 1950er Jahren. Und seitdem versuchen Mathematiker auf der ganzen Welt, das Problem herzuleiten.

Wenn zwei Formen sich überlappen – beispielsweise ein Viereck und ein Kreis – und man versucht, eine der überlappenden Formen zu treffen – beispielsweise mit einem Dartpfeil – steigt die Wahrscheinlichkeit, auch die andere Form zu treffen.

Das klingt soweit logisch. Stellt euch vor, ihr hättet ein blaues Rechteck und einen gelben Kreis. Ihr überlappt sie und diese Stellung (die dann grün sein könnte) ist euer Punkt, den ihr wie auf einer Dartscheibe treffen wollt. Ihr werft eine Menge Pfeile auf das Ziel. Was herauskommt, ist eine glockenförmige Kurve – die Gaußsche Normalverteilung, die sich um das Ziel herum verteilt. Die Mehrheit der Pfeile wird sich im Ziel befinden. Wie viele das sind, ist aber nicht zufällig, sondern verhält sich direkt proportional zu den Pfeilen, die um das Ziel herum eingetroffen sind.

Die Gaußsche Korrelationsungleichung besagt, dass die Chancen, dass der Pfeil den sich überlappenden Teil des Vierecks und des Kreises trifft, immer genauso hoch oder höher ist als die Wahrscheinlichkeit, dass der Pfeil im Viereck landet multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit, dass er im Kreis landet.

Wer bis hierhin gekommen ist: Gratulation. So weit klingt das auch noch logisch. Aber jetzt beweist das mal mit mathematischen Formeln. Spätestens hier steigen die meisten aus. Und das ist okay, denn da verzweifeln auch die besten Mathematiker. Seit über 50 Jahren.

Beim Zähneputzen kam die Erleuchtung

Dann kam der 17. Juli 2014, als sich der pensionierte Statistiker Thomas Royen – vorher Professor an der FH Bingen – morgens die Zähne putzte. Und plötzlich meinte er, das Prinzip gelöst zu haben. Ihm fiel eine Hauptableitung ein, die benötigt wird, um die abgewandelte GCI zu beweisen. Weil er nicht wusste, wie das Schreibprogramm, das die meisten Mathematiker benutzen, funktioniert, schrieb er seine Erklärung in Word nieder. Und lud es auf einer Website hoch.

Er sandte es an einen anderen Statistiker, der sofort wusste, dass das Problem gelöst war. Der Rest der Mathematik-Welt jubelte nicht. Im Gegenteil. Royen wurde ignoriert. Weil jegliche Erklärungsversuche in der Vergangenheit schief gingen. Weil die Gemeinschaft ermüdet war von den unzähligen Erklärungen, die doch zu nichts führten.

Dann wurde der Beweis an Bo’az Klartag, einem bekannten Mathematiker an der Tel Aviv Universität, geschickt – gemeinsam mit zwei anderen „Beweisen“. Der erste hatte einen Fehler und Klartag sah sich Royens Erklärung gar nicht erst an. Sie geriet in Vergessenheit.

Also veröffentlichte Royen seine Version im Far East Journal of Theoretical Statistics, für das er als leitender Redakteur tätig war. Auch das kam nicht an. Nicht nur deutsche Universitäten ignorierten ihn. „Networking“ war nicht so sein Ding.

Dann kamen zum Glück zwei Polen, die ihm glaubten: der Mathematiker Rafał Latała und sein Student Dariusz Matlak. Sie schrieben seine Version um und posteten sie ebenfalls online – mittlerweile war es Ende 2015.

Und siehe da: In den vergangenen zwölf Monaten hatte sich viel getan. Royens Beweis hat sich unter Mathematikern herumgesprochen und wurde akzeptiert. Nun bekommt er den Ruhm, den er schon viel früher verdient hätte.

Und wer schon mit Kopfrechnen Probleme hat, der sollte sich mal diese Kinder in Indien ansehen. Denn die nutzen eine ganz einfache Methode, mit der sie alle Gleichungen im Kopf lösen können:

Facebook WhatsApp

Diese Beiträge könnten dir auch gefallen:

Diese Website verwendet eigene Cookies und Cookies von Dritten um die Nutzung unseres Angebotes zu analysieren, Ihr Surferlebnis zur personalisieren und Ihnen interessante Informationen zu präsentieren (Erstellung von Nutzungsprofilen). Wenn Sie Ihren Besuch fortsetzen, stimmen Sie der Verwendung solcher Cookies zu. Bitte besuchen Sie unsere Cookie Bestimmungen um mehr zu erfahren, auch dazu, wie Sie Cookies deaktivieren und der Bildung von Nutzungsprofilen widersprechen können. Datenschutzbestimmungen
OK