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Weltraumschrott: Bringt dieser Mini-Satellit endlich mal den Müll runter?

Millionen Trümmerstücke rasen um die Erde. Höchste Zeit aufzuräumen, sagen Experten. Und es gibt auch schon Ideen, wie das gehen kann. Eine heißt Adler-1: Der kleine Satellit soll schon bald auf große Schrott-Jagd gehen.
Gegen Weltraumschrott: Der Mini-Satellit Adler-1 ist nur 30 Zentimeter lang und 10 Zentimeter breit.

Das Wichtigste zum Thema Weltraumschrott

  • Um die Erde kreist eine Müllwolke aus alten Raketen, kaputten Satelliten und Trümmern explodierter Raumfahrzeuge: Die NASA zählt fast eine Million Teile mit mehr als ein Zentimeter Größe.

  • Experten befürchten, dass es bald zu einem Müll-GAU im All kommt. Beim sogenannten Kessler-Effekt löst ein Crash von 2 Satelliten eine Kettenreaktion von immer neuen Zusammenstößen aus. Weitere Trümmerteile entstehen, die dann ihrerseits mit anderen kollidieren und so weiter ...

  • Der meiste Weltraumschrott bewegt sich in Höhen zwischen 800 und 1.000 Kilometer. Falls es dort zu einer Kettenreaktion kommt, könnte dieser Bereich für Astronauten unpassierbar werden.

  • Schneller als eine Kanonenkugel: Mit mehreren 10.000 km/h saust Weltraumschrott durchs All. Selbst kleine Teile werden bei dieser Geschwindigkeit zu gefährlichen Geschossen.

  • Zusammenstöße im Weltraum sind Realität. 2009 prallten ein US- und ein russischer Satellit mit dem Wahnsinns-Tempo von mehr als 40.000 Stunden-Kilometern zusammen.

  • Ewiger Schrott: Schon in 800 Kilometern Höhe umkreisen Satelliten die Erde bis zu 150 Jahre, bevor sie in die Atmosphäre eintreten. Bei 1.000 Kilometer sind es bereits bis zu 10.000 Jahre!

  • Ein Clean-Up im All ist fällig. Ein fleißiger Helfer sitzt schon in den Startlöchern: Adler-1, ein kleiner Satellit, den Forscher aus Österreich entwickelt haben. Mehr dazu weiter unten.

Adler-1: So soll der Mini-Satellit für Ordnung im All sorgen

Satellit Adler-1 steht auf Tisch


Der Mini-Satellit Adler-1 ist nur 30 Zentimeter lang und 10 Zentimeter breit - hier ein Modell auf einem Schreibtisch. Er entstand aus der Zusammenarbeit des ÖWF (Österreichisches Weltraumforum) und den beiden Firmen Findus Venture und Spire Global.
© picture alliance/APA/picturedesk.com

Rekordverdächtig: In nur einem Jahr entwickelte ein österreichisches Forscherteam im Silicon Valley den Satelliten Adler-1, der im All rund ein Jahr lang auf Schrott-Jagd gehen soll - und in der 2. Jahreshälfte 2021 starten soll.

Laut den Entwicklern sind solche "Small Sats" (besonders kleine Satelliten) die Zukunft - Adler-1 sei erst der Anfang: "5 Tonnen schwere Satelliten, die ein Jahrzehnt Planung, Bau und Milliarden verschlingen, werden von wenige Kilo leichten Kleinsatelliten mit deutlich kürzerer Entwicklungszeit verdrängt", glaubt Christian Federspiel, CEO von Findus Venture.

Aber was macht Adler-1 da oben im All? Er beobachtet in 600 Kilometern Höhe, wie sich Weltraumschrott verhält. Mit einem Radargerät und einer Art Mikrofon spürt er umherfliegenden Weltraumschrott auf - selbst die kleinsten Partikel in Sandkorngröße.

Der Small Sat beseitigt also keinen Weltraumschrott, sondern sammelt wichtige Daten über ihn. Woher kommen die Teilchen, wohin fliegen sie? Wie groß und wie schnell sind sie? Alles wichtige Details, die später das Aufräumen im All erleichtern.

2025 will die ESA im Rahmen der Mission ClearSpace-1, einen großen Satelliten zum Einsammeln von Weltraumschrott ins All schicken - mehr dazu unten in der Bildergalerie.

Wie entsteht Weltraumschrott überhaupt?

  • 🥇

    Sputnik 1 war der erste Satellit im All. Seine Batterie hatte nur Power für 2 Wochen. Dank der geringen Flughöhe von 200 bis 900 Kilometern entsorgte er sich nach nur 92 Tagen selbst.

  • 🚀

    Machtdemonstration: Amerikaner, Russen und Chinesen schossen mit Raketen jeweils einen ihrer alten Satelliten ab. Allein die Zerstörung des chinesischen Fengyun-1C erzeugte etwa 40.000 neue Schrott-Teilchen von über einem Zentimeter Durchmesser.

  • 👩‍🚀

    Im Weltraum-Drama "Gravity" wird Sandra Bullock als Astronautin fast Opfer eines Kessler-Syndroms. Achtung, Spoiler: George Clooney stirbt dabei.

  • Safety first: Kommt ein Trümmerstück der ISS zu nahe, schickt die Bodenstation die Besatzung in eine angedockte Sojus-Kapsel, bis die Gefahr vorübergeflogen ist.

  • 💥

    10-mal schneller als eine Kanonenkugel: Mit mehreren 10.000 km/h saust Weltraumschrott durchs All. Selbst kleine Teile werden bei dieser Geschwindigkeit zu gefährlichen Geschossen.

  • 🗑

    Schraubenzieher, Kameras, Zahnbürste: Bei Außeneinsätzen ist den Astronauten schon so manches Teil aus der Hand gerutscht - und jetzt ebenfalls als Geschoss unterwegs.

Gefahr durch Mega-Satelliten-Schwärme

Auch Preisverfall bringt Schrott ins All. Denn Satelliten zu bauen, wird immer billiger. Wurden früher einige Dutzend pro Jahr in den Orbit geschossen, dürften es bald schon Tausende sein.

Tech-Gurus wie Milliardär Elon Musk planen Schwärme von mehr als zehntausend Satelliten ins All zu schicken, die in einem weltumspannenden Netz Internet auf die Erdoberfläche funken sollen.

Einziger Trost: Viele von ihnen fliegen in niedriger Höhe und verglühen innerhalb weniger Jahre, wenn sie ausfallen.


Unternehmen wie SpaceX und Oneweb planen erdumspannende Satellitennetze.
© AIRBUS

So soll das All gereinigt werden: Müll-Fischen im Weltraum

Kann uns Weltraumschrott auf den Kopf fallen?

Pfandrückgabe aus dem Kosmos: Durchschnittlich jeden Tag fällt ein kleineres Stück Weltraumschrott vom Himmel - bisher ohne jemanden zu treffen. Denn meistens landen die Teile im Meer oder in der sibirischen Tundra. Doch nicht immer lässt sich ihr Weg beim Eintritt in die Atmosphäre genau berechnen.

Größere Reste der US-Raumstation Skylab fielen 1979 ins australische Outback. Die Verwaltung des Örtchens Esperance verdonnerte die NASA daraufhin zur Zahlung von 400 Dollar wegen unerlaubter Müllentsorgung.


Pauline Grewar fiel 1979 ein Stück Raumstation auf ihre Schafweide.
© Geoff Grewar, courtesy of Esperance Museu

Veröffentlicht: 16.09.2020 / Autor: Peter Schneider