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Happy Birthday ISS: 20 Jahre Forscher-WG im All

Vor 20 Jahren zogen die ersten Astronauten in die exklusivste Wohngemeinschaft aller Zeiten: die Internationale Raumstation ISS. Was hat sie uns gebracht? Eine Menge Forschungsergebnisse und die Erkenntnis, dass es im Weltraum ziemlich müffelt.
Die Internationale Raumstation ISS fliegt400 km über der Erde und ist nun seit 20 Jahren dauerhaft bemannt.

Das Wichtigste zum Thema ISS

  • Völlig losgelöst: Die Internationale Raumstation ISS ist ein in 400 Kilometer Höhe fliegendes Labor mit einer Forscher-Wohngemeinschaft als Besatzung. Ihr Zweck: Forschung in der Schwerelosigkeit.

  • Bisher hat die 3- bis 6-köpfige Besatzung mehr als 2.500 Experimente an Bord der ISS ausgeführt. Die europäische Raumfahrtbehörde ESA hat auch schon tausende Patente für die Nutzung der Ergebnisse auf der Erde angemeldet.

  • 10 Jahre lang lebte die Besatzung auf einer Baustelle. Erst 2010 wurde die ISS fertig und kostete etwa 120 Milliarden Euro - inklusive der Transportflüge ins All. Laufende Unterhaltskosten: mehr als 3 Milliarden Euro im Jahr.

  • Kurios: Die Forschung selbst ist der günstigste Einzelposten. Bis 2024 sind die Gelder bewilligt. Die ISS könnte aber bis 2028 betrieben werden.

  • Für manche ist die ISS ein Symbol technischen Fortschritts und ein friedliches Symbol der Menschheit und ihrer Kulturen. Kritiker meinen, das Geld hätte viel effektiver auf der Erde eingesetzt werden können.

  • Müffel-Alarm im Forscherparadies: Laut Astronauten-Legende Scott Kelly riecht die Station nach Gefängnis: eine Mischung aus "Desinfektionsmittel, Müll und Körpergerüchen".

Das WG-Leben auf der ISS

Forscher-WG mit Stink-Faktor

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    An Bord der ISS gibt es keine Waschmaschine. 2016 verriet der belgische Astronaut Frank De Winne, wie lange die Crew mit ihren Klamotten auskommen muss: Hemden 1 Monat, Socken 1 Woche. Glück für alle: Unterwäsche darf alle 2 Tage gewechselt werden.

  • 💩

    Ohne Schwerkraft ist der Toilettengang eine echte Challenge. Ein leichter Unterdruck zieht den Unrat zwar ins Weltraum-Klo, doch offenbar schwebt bisweilen ein Teil davon in die falsche Richtung davon. Methan aus dem Darm der Astronauten wird mit Aktivkohle aus der Luft gefiltert.

  • 🛀🚫

    Klebrig Haar ist dir gegeben ... das Hygiene-Konzept erinnert ans Barockzeitalter, in dem mehr gepudert als geputzt wurde. Während ihrer Monate an Bord müssen die Astronauten sich mangels Dusche Trocken-Shampoo in die Haare reiben und es dann auskämmen.

  • 😴

    Schlafen wie im Camping-Urlaub: Nach ihrer Laborschicht kriechen die Astronauten müde in einen Schlafsack. Der lässt sich zwar nicht zum Lüften aus dem Fenster hängen. Doch immerhin: Ein Großteil des Muffs bleibt dabei eingeschlossen.

  • ♻️🚽

    Stoßlüften geht auf der ISS eh nicht. Durch das effektive Lebenserhaltungs-System atmen die Astronauten jahrelang mehr oder weniger die gleiche Luft. Und das Trinkwasser? Durchquert ebenfalls mehrere Male die astronautischen Körper.

ISS - die Basics des fliegenden High-Tech-Labors

  • Mit ausgefahrenen Solar-Paneelen ist die Raumstation ungefähr so groß wie ein Fußballfeld, etwa 110 m lang, 88 m breit und 45 m hoch. Der Innenraum der gut ein Dutzend Module ist mit 1.200 Kubikmetern aber zusammengenommen nur so groß wie ein kleine Werkhalle.

  • Die ISS wiegt mit etwa 400 Tonnen in etwa so viel wie eine vollbesetzte Boeing 747. Allerdings ist sie mit etwa 28.800 km/h ungefähr 30 mal schneller als ein Jumbo. Deswegen braucht sie nur 93 Minuten, um die Erde zu umrunden.

  • Die Triebwerke einer 747 leisten mehr als 250.000 PS! Die Solarzellen der ISS erzeugen gerade mal 115 PS (85 KW), so viel wie durchschnittlicher VW Golf. Ganz fair ist die Rechnung nicht: Die ISS muss sich ja nicht aus eigener Kraft in der Luft halten.

  • Auch in 400 km Höhe gibt es noch Luftmoleküle - wenn auch nur wenige. Sie reichen aber aus, um die ISS abzubremsen: Jeden Tag sinkt die Station 50 bis 150 Meter und muss alle 2 Monate über die angedockten Raumschiffe angehoben werden, um nicht abzustürzen.

  • Forschen im All ist gefährlich: Die Crew muss regelmäßig in das angedockte Sojus-Raumschiff flüchten, wenn ein Kollision mit einem Satelliten droht. 2018 fanden die Astronauten sogar ein Loch im Rumpf der ISS.

Wie weint man im All?

Astronaut Scott Kelly zeigt, wie es sich anfühlt, im Weltraum eine Träne zu verdrücken (auf Englisch). Warum er dabei ein Gorilla-Kostüm trägt, bleibt sein Geheimnis.

Raumstation im freien Fall

Die ISS fliegt in 400 km Höhe. Dort herrscht aber nicht etwa Schwerelosigkeit. Ein Astronaut wiegt auch dort noch 90% seines Körpergewichts.

Er würde also zurück zur Erde fallen und wegen des fehlenden Luftwiderstands sogar mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen (so wie Felix Baumgartner bei seinem Rekordsprung aus 39 km Höhe).

Umlaufbahn der ISS


Kurios: Die ISS fällt physikalisch gesehen ständig Richtung Erde. Da ihre Bahn (=Fallkurve) genau der Erdkrümmung entspricht, kommt sie aber nie auf der Erdoberfläche an - sondern bleibt in ihrer Umlaufbahn.
© ESA

Die Astronauten in der ISS sind nur schwerelos, weil diese so schnell um die Erde rast. Dabei "fällt" sie physikalisch gesehen zwar in Richtung Erde, doch genau entlang der Erdkrümmung. Da sie sich im luftleeren Raum bewegt, bremst sie dabei nicht ab.

Deswegen erreicht die Station kurioserweise nie den Erdboden. Die Astronauten darin erleben die Schwerelosigkeit so ähnlich wie ein Passagier in einem Flugzeug, das in ein tiefes Luftloch fällt.

Music nonstop

Die ISS wird Teil der Pop-Kultur: Alexander Gerst spielte 2018 zusammen mit der Kultband Kraftwerk. Als Instrument benutzte er eine Synthesizer-App auf dem Tablet.

ISS-Forschung für die Erde

  • Die Technik, mit der auf der ISS das Wasser gereinigt wird, wird auch auf der Erde eingesetzt: dort, wo Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.

  • Mit dem Roboter-Arm der ISS fangen die Astronauten die Versorgungsschiffe ein. Auf der Erde wurde die Technik zu einem chirurgischen Roboter weiterentwickelt, mit dem sich Gehirntumore entfernen lassen.

  • Ursprünglich wollten Forscher auf der ISS rausfinden, ob sich auf dem Saturn in kalten Plasmen Kristalle bilden können. Die Erkenntnisse aus diesem abgedrehten Experiment führten zu einem Gerät, mit dem sich Wunden sterilisieren lassen.

Die Erde von der ISS aus im Zeitraffer

Die ISS umkreist die Erde jeden Tag fast 16 Mal. Aber die Astronauten sehen nicht nur uns, wir können auch sie sehen: In der Morgen- und Abenddämmerung ist die Station von Deutschland aus fast täglich als hellster Punkt am Himmel zu verfolgen.

Der nächste Deutsche in der Forscher-WG

Der nächste Deutscher auf der ISS: Matthias Maurer


Der bislang letzte Deutsche war Alexander Gerst, der bereits 2-mal auf der ISS arbeitete. Matthias Maurer (hier links bei einem Astronauten-Training in China) wird sein Nachfolger sein.

 

 

 

 

Matthias Maurer wird der 12. Deutsche im Weltraum und der 4. auf der ISS sein. 2021 soll seine Mission starten.

Maurer spricht Russisch, Chinesisch sowie Französisch, Englisch und Spanisch. Eigentlich ist er promovierter Ingenieur für Materialwissenschaft und hält zudem mehrere Patente.

Seine größte Angst: dass die Rakete, in die er steigt, gar nicht erst abhebt.

Was meinst du: Braucht die Menschheit eine Forschungsstation im All?

Was kommt nach der ISS?

Die geplante US-Raumstation Lunar Gateway. Sie soll um den Mond fliegen und den Astronauten bei der Landung helfen. Da sie einen ganz anderen Zweck hat, ist sie kein echter Nachfolger für die ISS.

Veröffentlicht: 15.11.2020 / Autor: Peter Schneider