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Neues Virus entdeckt: Droht uns jetzt auch eine Schweinegrippe-Pandemie?

2009 traten die ersten Schweinegrippe-Fälle auf. Schnell verbreitete sich das Virus auf der ganzen Welt. Chinesische Forscher stießen jetzt auf ein ähnliches neues Virus. Wie gefährlich ist es - und was ist Schweinegrippe überhaupt?
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Das Wichtigste zum Thema Schweinegrippe

  • Auslöser der klassischen Schweinegrippe ist ein Misch-Virus vom Typ A/H1N1. Er enthält Anteile von Grippe-Viren aus Vögeln, Schweinen und Menschen.

  • Die Symptome der Schweinegrippe ähneln der normalen Grippe. Zusätzlich kommt es zu Magen-Darm-Beschwerden, schwere Lungenentzündungen sind möglich.

  • Häufig erkranken junge gesunde Erwachsene - auch schwer. Dies ist ein entscheidender Unterschied zur normalen Grippe.

  • Ab 2009 verbreitete sich die Krankheit von Mexiko aus weltweit. Das Virus war in dieser Form neu. Es gab weder einen Impfstoff noch eine breite Immunität.

  • Von Juni 2009 (bis August 2010) erklärte die WHO die neue Grippe zur Pandemie. Die verlief zwar weniger schlimm als erwartet. Trotzdem starben rund 200.000 Menschen weltweit, in Deutschland wurden 252 Todesfälle bestätigt.

  • Die Schweinegrippe-Viren zirkulieren noch heute - auch in Deutschland. Inzwischen gibt es aber einen Impfstoff. Außerdem hatten viele Menschen schon Kontakt mit den Viren und sind bis zu einem gewissen Grad immun.

Drohnt uns eine neue Pandemie?

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    In Schweinen tauschen Grippe-Viren ihre Gene aus. Es ist möglich, dass hierbei ein gefährliches Pandemie-Virus entsteht. Chinesische Forscher stießen jetzt auf das Virus G4 EA H1N1, das dem H1N1-Virus von 2009 sehr ähnelt.

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    In Rahmen einer 7-jährigen Studie entnahmen sie 30.000 Nasen-Abstriche von Schweinen in chinesischen Schlachthöfen. Ihr Ziel: mögliche Pandemie-Viren früh zu entdecken. Das Team fand 179 verschiedene Schweinegrippe-Viren.

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    G4 scheint besonders infektiös zu sein, kann sich offenbar gut an menschliche Zellen binden, in ihnen vermehren und starke Beschwerden verursachen. Das schlussfolgern Forscher aufgrund von Versuchen an Frettchen. Die weisen allgemein ähnliche Lungen und Symptome wie Menschen auf.

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    Ein weiteres Problem: Über 10 Prozent der Schweinehalter und 4 Prozent der Chinesen haben laut Forschern bereits Kontakt mit dem Virus gehabt - was aber offenbar nicht zur breiten Immunität in der Bevölkerung führt.

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    Die Forscher fordern: Schweinefarm-Arbeiter sollen auf eine neue Grippe getestet werden, und bei Schweinen sollte man etwas gegen G4 unternehmen.

  • Wichtig: Nicht jedes gefährliche Virus verursacht auch eine Pandemie. Es muss sich verbreiten, auf Menschen überspringen und dann übertragen werden. Das kann G4 in seiner jetzigen Form offenbar noch nicht.

Schweine als "Mischgefäße"

1930 wiesen Forscher das H1N1-Virus erstmals in Schweinen nach. Ab und an infizierten sich mit dem Menschen mit dem Virus, die mit Schweinen engen Kontakt hatten. Der Erkrankte konnte das Virus jedoch noch nicht auf andere Personen übertragen.

Das Problem: Mit den Jahren veränderte sich das Virus. Es ist nun ein Misch-Virus aus Grippe-Viren von Vogel, Schwein und Mensch und von Mensch zu Mensch übertragbar.

Solche Misch-Viren können entstehen, wenn sich ein Wirt zur gleichen Zeit mehrere verschiedene Viren eingefangen hat und die dann dieselbe Zelle befallen. Die neu produzierten Viren weisen Teile des Erbguts verschiedener Viren auf.

Bei Schweinen passiert diese Mischung besonders oft, da sie sich mit allen 3 Viren anstecken können - ein ideales Mischgefäß.

Schweinegrippe-Viren


So sehen H1N1-Viren aus.
© Getty Images

Die Symptome der Schweinegrippe

Die Schweinegrippe-Viren befallen vor allem die Zellen in den Atemwegen. Der Patient hat die gleichen Symptome wie bei einer normalen, saisonalen Grippe: Fieber, Reizhusten, Halsweh, Glieder- und Kopfschmerzen.

Zusätzlich leiden viele aber oft auch an Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Gefährlich ist die Schweinegrippe, da sie mit einer schweren Lungenentzündung einhergehen kann.

Im Gegensatz zur saisonalen Grippe bekommen oft junge gesunde Erwachsene Schweinegrippe. Meist verläuft sie mild.

Doch insbesondere bei Kleinkindern, Schwangeren und Menschen mit chronischen Vorerkrankungen kann es kritisch werden.

Übertragung und Inkubation

  • Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Ansteckung bis zur Erkrankung, dauert bei der Schweinegrippe bis zu 4 Tage. Schon davor kann man andere anstecken.

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    Vom Zeitpunkt der ersten Symptome an setzt man bis zu 7 Tage Viren frei.

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    Übertragen wird das Virus von Mensch zu Mensch hauptsächlich über Niesen und Husten, also einer Tröpfchen-Infektion.

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    Eine Infektion über verunreinigte Oberflächen ist ebenfalls möglich, wenn man sich dann an Augen, Nase oder Mund fasst.

Umstrittene Medikamente

Wenn ein Patient chronische Vorerkrankungen hat und deshalb ein schwerer Verlauf der Schweinegrippe zu erwarten ist , kann der Arzt Medikamente verabreichen. Das muss aber innerhalb von 48 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome geschehen, sonst haben sich die Viren bereits zu stark vermehrt.

Sogenannte Neuraminidase-Hemmer sollen verhindern, dass die Viren in Schleimhautzellen eindringen und sich dort vermehren. Der Nutzen dieser Medikamente ist jedoch wegen der geringen Wirksamkeit und starken Nebenwirkungen umstritten.

Wer sollte sich gegen Grippe impfen lassen?

Seit Oktober 2009 gibt es einen Impfstoff gegen Schweinegrippe. Heute ist er Bestandteil der normalen jährlichen Grippe-Impfung.

Die ständige Impfkommission empfiehlt eine Grippe-Impfung:

  • Menschen über 60 Jahren
  • Personen mit chronischen Krankheiten
  • Medizinischem Personal
  • Personal und Bewohnern von Altersheimen
  • Schwangeren

So funktioniert eine Impfung

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Ein Pieks - und schon können Krankheitserreger einem nichts mehr anhaben. Wir zeigen dir, wie Impfungen wirken und was sie im Körper genau verursachen. Mehr dazu kannst du auch hier nachlesen.

H1N1 - was die Abkürzung bedeutet

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    H und N stehen für Hämagglutinin und Neuraminidase. Das sind Proteine auf der Virushülle, die dem Virus helfen, in die Zelle einzudringen.

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    Es existieren 18 H- und 11 N-Subtypen in verschiedenen Kombinationen.

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    Das Schweinegrippe-Virus gehört zum Subtyp H1N1, wie auch der Erreger der Spanischen Grippe, welche 1918 bis zu 50 Millionen Menschen das Leben kostete.

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    Alle Sub-Typen kommen bei Wasservögeln vor. In ihnen sammeln und vermehren sich Influenza-Viren.

Veröffentlicht: 03.07.2020 / Autor: Larissa Melville