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Wenn dir dein Körper nicht gehorcht: Leben mit Tic-Störungen

Wenn Zwinkern, Zucken und Fluchen zum Zwang werden: Was sind eigentlich Tics, wie entstehen sie - und was kann man dagegen tun?

Das Wichtigste zum Thema Tic-Störungen

  • "Tic" ist französisch und bedeutet "nervöses Zucken". Gemeint sind unwillkürliche, plötzliche Muskelzuckungen (motorische Tics) oder Lautäußerungen wie Räuspern, Hüsteln oder auch Fluchen (vokale Tics). "Tic" ist französisch und bedeutet "nervöses Zucken".

  • In Deutschland leben 2,5 Millionen Menschen mit einer Tic-Störung. Bei Kindern hat jedes Zehnte Phasen, in denen es tict. Jedoch verschwinden Tics meist von allein.

  • Krankhaft sind Tics erst, wenn sie länger als ein Jahr anhalten. Die Erkrankung beginnt meist im Grundschulalter, fast immer aber vor dem 21. Lebensjahr.

Was passiert bei Tics im Körper?

Auslöser ist vermutlich der Botenstoff Dopamin. Bei gesunden Menschen übermittelt er Infos zwischen Nerven und Gehirn.

Ein Beispiel: Wenn wir uns an einer heißen Herdplatte verbrennen, wird so die Information "Achtung, heiß!" ans Gehirn geschickt. Das wiederum gibt den Befehl: "Hand zurückziehen, schnell" - im Bruchteil einer Sekunde, ohne unser Zutun.

Bei Menschen mit Tic-Störung ist dieses Botensystem gestört. Das Gehirn bekommt daher den Befehl "Hand zurückziehen, schnell!", obwohl weit und breit keine Herdplatte da ist.

Die Folge: Die Muskeln zucken, ohne dass man die Kontrolle darüber hat.

Wie werden Tic-Störungen behandelt?

  • Tics können nicht ursächlich, sondern nur symptomatisch behandelt werden. Man kann nicht verhindern, dass sie auftreten, sondern nur die Stärke mildern.

  • Medikamente wie Neuroleptika können die neurobiologische Bewegungskontrolle verbessern. Einige Studien zeigten auch eine Verringerung der Symptome durch Cannabis.

  • In manchen Fällen kommen Botox-Injektionen in Frage, wenn Tics konstant auftreten und auf von außen gut zugängliche Muskeln beschränkt sind. Sie werden damit sozusagen betäubt.

  • Eine Verhaltenstherapie, etwa um Stress zu mindern, kann eine gute Ergänzung sein. Stress und Anspannung können Schübe triggern. In Momenten, in denen die Betroffenen sehr konzentriert sind, treten die Tics dagegen weniger auf.

  • Spezielle Hirnoperationen werden nur sehr selten und nur bei extrem schweren Fällen in Betracht gezogen.

Ist Tourette auch eine Tic-Erkrankung?

Bei Tourette-Patienten treten mehrere motorische Tics und mindestens ein vokaler Tic zusammen auf. Es ist eine unheilbare neuropsychiatrische Erkrankung.

Viele denken dabei vor allem an unkontrolliert geäußerte obszöne Ausdrücke (Fachbegriff: Koprolalie), wie man es etwa in Filmen sieht. Das kommt längst nicht immer vor.

Tourette gilt als unheilbare neuropsychiatrische Erkrankung. Auch hier kann lediglich die Intensität behandelt werden.

Mehr über den Alltag eines Tourette-Erkrankten erfährst du hier.

Mit Tourette in der Politik: Bijan Kaffenberger

© picture alliance/Frank Rumpenhorst/dpa

 

Seit 2019 sitzt der 30-Jährige Bijan Kaffenberger für die SPD im hessischen Landtag.

Mit 6 Jahren erlebte er zum ersten Mal Tics, mit 11 bekam er die Diagnose Tourette-Syndrom. Die Krankheit ist unheilbar, aber heute nimmt er keine Medikamente mehr.

Er geht offensiv damit um, hat zum Beispiel mehrere Folgen seiner "Tourettikette" für das Jugendportal "Funk" produziert und beantwortete Fragen in der Reihe "Frag ein Klischee". So will er Verständnis schaffen und Vorurteile abbauen.

Tourette im Film

Veröffentlicht: 23.03.2020 / Autor: Ischta Lehmann

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